Rull de Waak

Der Neuanfang und die zweite Blütezeit

Die Wiedergeburt

Aachen war bei Kriegsende zu 80% zerstört, doch die Aachener gaben sich viel Mühe ihre Stadt und ihre Hochschule wieder aufzubauen. Der letzte vorfaschistische Rektor Paul Röntgen, wurde von den Siegern in Süddeutschland ausfindig gemacht und wieder in seine Funktionen eingesetzt. Otto Gruber wurde ihm als Prorektor zur Seite gestellt und so konnte die RWTH bereits zum WS 1945/46 ihre Tore für die (235) Studenten wieder öffnen. Wenn der Aufbau der RWTH auch zügig voranschritt behinderte doch einiges das Wiederkehren der Luxemburger:

  1. Nach der Befreiung war alles Deutsche verpönt 1 . Das Verhältnis zu den Deutschen sollte noch lange belastet bleiben.
  2. Wissenschaftlich waren die deutschen Hochschulen isoliert. Dies bedeutete auch einen erheblichen Mangel an Lehrmitteln. Teilweise war die Weltfremdheit der Aachener Professoren daran schuld. Arthur W. Edwards, von der britischen Militärverwaltung eingesetzter University Control Officer berichtet: “Die Bezeichnung wurde immer wieder als Technical High School übersetzt, was in England und Amerika Oberschule bedeutet. Wir besprachen die Möglichkeit die RWTH in Technische Universität umzubenennen…” Dem entgegnete Röntgen: “…Wir können die Tradition um eines zeitweiligen materiellen Vorteils willen nicht verneinen” Die TU Berlin – Charlottenburg hatte solche Bedenken nicht.
  3. Nach den Entbehrungen und den Zerstörungen des Weltkrieges wollten die jungen Luxemburger ihre Studien lieber in einer intakten Stadt ohne Lebensmittelrationierung und Wohnungsnot ablegen. (In Aachen hausten die Studenten in den ehemaligen Bunkern) Ingenieurstundenten vor allem in Lüttich, Straßburg oder Zürich.

Doch bald schon kamen die Luxemburger wieder nach Aachen. Hierbei spielten folgende Faktoren eine Rolle:

  1. Luxemburgs Industrie behielt ihr Eigentum im Aachener Revier ( z.B. den Eschweiler Bergwerksverein). Dadurch bot es sich an auch die Beziehungen zur RWTH wieder aufzunehmen.
  2. Die Briten, zu deren Besatzungszone Aachen gehörte handelten bei der Entnazifizierung von u.a. der RWTH großzügig nach dem Motto: “Mitläufer ist nicht Mittäter” 2 .
  3. Da die Lehre wieder frei war, konnte die RWTH ihren Ruf nicht nur wiedergewinnen sondern sogar noch verbessern!
  4. Die Alternative Zürich hatte keine eigene Fakultät für Hüttenkunde. Höhere Preise machten den Vorteil einer intakten Stadt immer mehr zunichte. 3
  5. Die Zivilverwaltung (der Nazis in Luxemburg) hatte den Unterricht der französischen Sprache untersagt. So waren sprachlich nicht so Begabte, perverserweise gezwungen bei jenen zu studieren die an diesem Umstand die Schuld trugen.
  6. Vor allem aber rührten nun die Alten Herren des AVL immer heftiger die Werbetrommel für Aachen. Sie hatten sich die Wiedergründung ihres Aktivenvereines fest vorgenommen.

1950 waren wieder zwölf Luxemburger in Aachen. Der Vorsitzende der “Alten”, Frank MEYER beauftragte den jungen Jean THIELEN, der zuvor am Institiut Superieur de Technologie (IST) war, mit der Neugründung. Die Hilfe der AHAH war sowohl finanzieller als auch moralischer Natur. Viele der Alten, wie der legendäre Sippy, nahmen sich immer wieder die Zeit die Jungs zu besuchen und in die Traditionen des AVL einzuweisen. Die Statuten von 1915 wurden übernommen, sowie Mützen und Bierzipfel wieder eingeführt. 1952 wurde die Neugründung durch den Rektor genehmigt.

In diesem Jahr (am 5. und 6. Juli) wurde auch das erste Mal wieder ein Stiftungsfest (das 55.) gefeiert. Es ist ein Bericht dieses Festes erhalten geblieben, er wurde von Jean Majerus alias Ronay geschrieben und am 18.7.1952 im Tageblatt veröffentlicht.

Es wird Sport betrieben und dafür ein Sportwart bestimmt; das Luxemburger Fußballteam wird Hochschulmeister. Auch werden jetzt Studenten der Fachhochschule ( Kept LAMBERT und Battin BIB ) und Frauen (eine, Alice VAN WERSCH ) aufgenommen. Der Verein organisiert einen Autobus für eine preiswerte Anfahrt.

Das Verhältnis zu den Deutschen ist allerdings auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen. In gewisser Weise ähnelt die Situation jener nach dem ersten Krieg: Die Luxemburger haben Geld und die bessere Moral, die Deutschen haben beides nicht. Doch sind es diesmal nicht die Deutschen, die dem AVL mangelnde Solidarität vorwerfen, schwer verstimmt sind die Luxemburger. Noch betreibt die überwältigende Mehrheit der Deutschen keine Vergangenheitsbewältigung, deshalb hat auch kaum ein Luxemburger Verständnis für die Klagen der Aachener etwa über die erlittenen Zerstörungen 4 . Die Luxemburger lassen die besiegten Deutschen ihre Verachtung offen spüren, auch berechtigte Kritik deutscher Kommilitonen wird schnell mit: “Haal d’Maul, Preis” quittiert.

Insbesondere der Polizei wird kaum Respekt gezollt, da sie schließlich dem Reichsführer SS Heinrich HIMMLER unterstanden hatte. Das begünstigte übermütige Aktionen, etwa die Großschlägerei in der Antoniusgasse am 10.11.1951 um 01:00. Hier gab es neun Festnahmen, das war der halbe Verein! 5

Die Alten Herren und die Professoren waren jedoch bemüht, dieses Verhältnis wieder zu entkrampfen. Frank Meyer, obwohl selbst Deportierter, stiftete die Frank-Meyer- Trophäe um über den Sport Kontakte herzustellen. Am schon erwähnten Fest nahmen folgende Professoren teil: Frau Lipp, Eilender, Götte, Lürenbaum, Meixner und Meyer (siehe Original). Am besten gelang die Verbesserung der Beziehungen zu den jungen Aachenerinnen. Auch dem rheinischen Karneval sprachen die Luxemburger sehr zu 6 .

Studentenstreiche

In den frühen 50er Jahren hatten die Aachener unter studentischer Willkürherrschaft zu leiden wie seit den Tagen des großen Sippy nicht mehr. Neben der schon angedeuteten schwachen Position der Polizei und den idealen Fluchtmöglichkeiten durch die Ruinen begünstigte die wiedererlangte studentische Freiheit Schabernack jeder Art. Die Drangsal durch Tyrannei und Krieg war verschwunden und die Studenten wurden nicht mehr, wie noch in den 40er Jahren zum Baueinsatz herangezogen. Andererseits hatte die Stadt noch nicht das heutige Freizeitangebot und somit waren die Streiche eine willkommene Abwechslung. Es waren freilich nicht nur Luxemburger, die sich diesem Sport hingaben, ja man kann sogar sagen sie ließen sich eher mitreißen. Doch kaum jemand gab sich soviel Mühe, die Taten auch noch zu dokumentieren:

Batz, Quick und einige andere verließen gerade die Kneipe ” im Postwagen”, als ihr Blick auf die Statue von Karl dem Großen fiel und Batz bemerkte: “Den as esou knaschteg, dee misst ee mol botzen”. Gesagt getan, und am nächsten Tag informierte die Ausgabe vom 14. Juni 1952 der “Aachener Nachrichten” (AN) ihre Leser, daß der Apfel gestohlen wurde. Es kam den Leuten die Idee, die Öffentlichkeit an ihrem Streich zu beteiligen. Tags darauf teilte die AN dann unter dem drohenden Titel “Wir werden noch mehr putzen” ganz Aachen mit was geschehen war: “..der Apfel ist wieder da. Er glänzt als wäre er aus purem Gold. Studenten haben ihn geputzt! (..) einer von ihnen rief die Lokalredaktion an und orientierte sie über die “Hintergründe” der Tat. Vorsorglich sprach der Herr am anderen Ende des Drahtes mit deutlichem französischem Akzent: “wir ‘aben ihn geputzt. Jawohl wir ‘aben ihn mit ‘ilfe von einigen Menschen in der Pontstraße poliert. Und wir werden noch mehr putzten. Falls Sie uns nicht glauben, gehen sie und holen sich den Zettell aus dem Apfell, darauf steht unser Signum” (..) Enttäuscht werden der “Attentäter” und seine Kumpane nun sein, wenn ihr vielleicht wohlgemeintes Reinigungswerk nicht als positive Leistung in die Geschichte der Stadt eingehen wird. Die Denkmalspflege ist betrübt denn die Jahrhunderte alte Patina ist nun dem Putzteufel zum Opfer gefallen. Ein Schlossermeister muß beauftragt werden der sie künstlich wiederherstellen soll.”

Das war zuviel! Das war nicht mehr nur ein Studentenulk, mit dem Anruf hatten sie der Polizei auf der Nase rumgetanzt und die setze nun alle Hebel in Bewegung. Der Rektor mußte versprechen, die Attentäter von der RWTH zu verweisen. Um eine falsche Spur zu legen, badete Batz am nächsten Abend öffentlich im Becken des Brunnens. Nachdem deutsche Studenten sich ebenfalls ausgezogen hatten und in den quot;Eezekomp” gestiegen waren, kletterte er raus und rief die Bullen. Daß diese nun die Falschen verhaftet hatten, machte die Jungs so übermütig, daß sie am 18. Juni nochmals Schlagzeilen in den AN machten: “Unbekannte, die sich übrigens das Vergnügen machten uns zweimal in der Nacht anzurufen, haben Kaiser Karl ein Glas Wicküler in die Hand gedrückt. Die Polizei sicherte die daran befindlichen Fingerabdrücke und erkannte unter den vier davonlaufenden jungen Leuten einen mit einer roten Studentenmütze!”. Durch die Mütze und durch den Bekennerbrief kam Batz in Verdacht. Er mußte Aachen fluchtartig verlassen. Die Sache ging noch einmal glimpflich aus, weil die Zimmerwirtin der Polizei vorflunkerte, Batz sei wohl in Luxemburg sie habe ihn das ganze Semester noch nicht gesehen. Danach hörte der ganze Spuk auf.

Batz hatte zwar ein Semester verloren, aber sein Streich war in die Annalen des Vereines eingegangen. Zudem sah sich die Stadt gezwungen, Apfel und Schwert zu befestigen. Viele Luxemburger versuchten den Streich nachzuspielen und wenn sie “op de Karel” kletterten, waren ihre Gedanken bei ihrem großen Vorbild. Auch der Name der Vereinszeitung “Um Karel” ist eine Reminiszenz an jene große Tat.

Die Modernisierung

Die neuen Studienbedingungen

Die Alten Herren waren bei der Neugründung, wie viele Europäer, von dem Wunsch beseelt gewesen, das Übel des Nationalsozialismus durch Wiederherstellung des Vorkriegszustandes zu tilgen. Die erste Nachkriegsgeneration hatte ihre Formen begeistert aufgenommen, froh über die Zuwendungen der AHAH. Aber schon acht Jahre nach seiner Wiedergeburt hatte sich das Gesicht des Vereines grundlegend geändert: Mützen und Zipfel waren verschwunden, Kneipen gehörten der Vergangenheit an. Das Konzept der 20er taugte nichts für die moderne Hochschule. Welches waren nun die äußeren Umstände, die zu dieser Wandlung geführt hatten?

  • Einerseits brauchte die neue Gesellschaft, wegen des technischen Fortschrittes weit mehr Akademiker.
  • Andererseits brachte er steigenden Wohlstand, der immer mehr Eltern befähigte, ihren Kindern eine Hochschulausbildung zu finanzieren.
  • Deutschland war ab 1955 NATO-Partner und in Westeuropa integrierte Nation, weniger der besiegte Gegner. Immer mehr Kolonien erhielten ihre Unabhängigkeit und bildeten die sogenannte Dritte Welt. Sie brauchten auch (technische) Führungskräfte. Aachen war hier besonders beliebt. (Deutschland war seit 1918 keine Kolonialmacht mehr gewesen.)

Für die Aachener Hochschule bedeutete dies ein fast exponentielles Wachstum, sichtbar an den neuen Gebäuden (Audimax, Mensa I + II). Vor 1950 hatte die RWTH nie mehr als 1000 Studenten gehabt. Jetzt im SS 1959 waren es 8602. Dies bedingte auch einen großen Mangel an preiswertem Wohnraum. Auch war die Hüttenkunde nicht mehr das wichtigste Fach. Waren noch 1952 fast alle Studenten in irgendeiner Verbindung gewesen, so galt dies nun eher als Ausnahme. Auch machte sich die Motorisierung so langsam bemerkbar. Alles in allem bedeutete dies für die Luxemburger:

  1. Mit 78 Mitgliedern 1957, eine verschwindende Minderheit, und auch unter den Ausländern vom ersten Platz ins Mittelfeld abgerutscht zu sein. 1. Griechenland 381 Studenten, Luxemburg an 7. Stelle
  2. daß zwar die HK für Luxemburg wichtig blieb, aber die Elektrotechniker schon 1963 die größte Gruppe stellten. – Vereinsveranstaltungen konnten nun nicht mehr mündlich in den gemeinsamen Vorlesungen (für die tragenden 3. bis 7. Semester) abgemacht werden.
  3. Daß jetzt, wo der Student öfter als 3 mal im Jahr nach Luxemburg fuhr, Freizeitbeschäftigung nicht mehr wie vor 60 Jahren gestaltet werden konnte.

Die Lösungen

Die alten Traditionen, insbesondere die strengen Regeln fanden kein Verständnis mehr. Klar, die meisten Rituale, wie das Bierkomment sie vorsah waren als Parodie auf den Hochschulalltag des vergangenen Jahrhunderts gedacht. Nach dem Weggang von Jean HEUSBOURG alias Kluef wurde das Amt des Fuchsmajors nicht mehr geführt. Vielleicht wären die Traditionen gerettet worden, wenn der AVL ein eigenes Haus gehabt hätte. In der Tat äußern die Präsidenten Armand BLACHETTE (1958) und Paul PFEIFFER (1959) gegenüber der Regierung den Wunsch nach einem eigenen Haus. Dies auch als Abhilfe gegen die schon angesprochene Wohnungsnot. Gelöst wurde dieses Problem erst in den 70ern mit den Studentenwohnheimen in der Rütscherstraße. In einem Haus hätte man auch den 1958 angelegten Schrank mit Prüfungsaufgaben unterbringen können. Dieser Schrank wurde 1972 von der Hochschule beschlagnahmt!

Regelmäßige Beziehungen zu Luxemburger Studenten in anderen Städten wurden nun möglich. Es wechselten Ende der 50er viele Studenten aus Lüttich nach Aachen. Sie brachten frischen Wind in die eingefahrene Routine. (Byzutage des Bleus, Schäißbuch, Liederbuch “Bitus magnifique”) Auch wenn der Byzutage für die Erstsemester nichts Gutes verheißen konnte, so besserte sich ihre Situation doch durch die neuen Statuten. Diese (auf französisch formuliert) lehnten sich stark an denen aus Lüttich an und stellten die Füchse den Burschen gleich. Ein einmaliger Vorgang daß fremden Riten der Vorzug gegeben wurde.

Die Reformation war ein kontinuierlicher Prozeß, auch wenn sie uns dank des zeitlichen Abstandes wie eine Revolution vorkommt. Eine negative Folge war daß der Kontakt zu den Ehemaligen abriß, die Statuten von 1958 sahen sie gar nicht mehr vor. Sie schlossen sich im Laufe der Zeit in der AMICALE des Anciens zusammen. 1963 setzten AVL und AMICALE eine Arbeitsgruppe zusammen um die Beziehungen wieder aufzunehmen und zu intensivieren. Ganz konnten die Modernisierer sich aber nie gegen die Traditionalisten durchsetzen!: Der Stempel mit dem Bierzirkel wurde beibehalten und wird bis heute regelmäßig benutzt. Eine vorgeschlagene Abschaffung des als veraltet empfundenen Namens AV d’Letzeburger wurde am 14.6.1966 deutlich abgelehnt!

Abschließend für diese Periode sei festgehalten, daß die Frage ob die Verbindungen den Nationalsozialismus gefördert haben keine Rolle bei der Aufgabe der Tradition gespielt hat. Denn erstens hatte der AVL sich in der Hinsicht ja nun wirklich nichts vorzuwerfen und zweitens waren sowohl Deutsche als auch Luxemburger mehr mit den Folgen als mit den Ursachen des NS-Staates beschäftigt. Das Verhältnis zu den Deutschen hatte sich inzwischen “normalisiert”, d.h. wie vor dem Krieg wurden sie einfach gar nicht beachtet!

Die 60er

Die 60er Jahre waren eine gute Zeit für den AVL. Sie fingen schon gut an mit der Verleihung des Karlspreises an Ehrenstaatsminister Josef BECH am 25.5.1960. Bech stiftete DM 250, Konsul Schrader legte noch DM 200 drauf, mit der Auflage eine “Guindaille” davon abzuhalten. Aachen war eine Modeuni geworden, die größte in Deutschland. Mit der RWTH wuchs auch der AVL auf zuletzt 143 Mitglieder.

Aktivitäten waren vielfältig. Es gab mindestens drei Generalversammlungen im Jahr!

Allerdings machte sich zum Ende dieser Periode bereits jene Ermüdung breit, die heute so allgegenwärtig ist und immer wieder für Enttäuschung bei den jeweiligen Präsidenten sorgt. Jean-Georges HIRTZ alias Jojo meinte am 5.5.1969, nach einer Bestandsaufnahme unter anderem:

“… De Comité leet de Club, mais en as net de Club, de Club sidd Dir…Op jidde Fall, wann nach eng Kéier een d’Maul oprappt fir ze kritiséieren, op déi aner Manéier awer kéng Zäit fënd fir an d’Versammlung ze kommen, well en an de Kino muß goën, dem sprangen ech mam Aasch an d’Zenn! …”

Der Vorstand wurde zunächst am Anfang des SS gewählt, d.h. Ende April, Anfang Mai. 1964 wurde der Termin auf Anfang Februar vorverlegt. Der Vorschlag, die Wahl zu Beginn des WS abzuhalten wurde abgelehnt, um den Erstsemestern Gelegenheit zu geben, sich mit Verein und Protagonisten vertraut zu machen! Die Posten Präsident, Sekretär, Kassierer und Sportwart wurden einzeln bestimmt.

Folklore und Aktivitäten

  • Betriebsbesichtigungen blieben aktuell und beliebt. Besonders Besichtigungen im Aachener Raum. (VEGLA, Zeche Emil-Mayrisch, Stolberger Zinkhütte, usw.)
  • Neu war ab 1960 der alljährliche BAL in Luxemburg. Er fand meist zu Ostern im Kasino der ARBED (gute Relationen) unter dem Namen “Nuit du Charlemagne” statt. Wichtig war er, um den Kontakt zu den Anciens aufrecht zu halten, mehr noch aber um Geld in die Kasse zu bekommen, da bei der hohen Zahl der Mitglieder deren Beiträge nicht mehr ausreichten. Die aber mußten niedrig sein, um keinen Luxemburger auszuschliessen. (Alleinvertretungsanspruch)
  • Bis 1990 war der 17. Juni der “Tag der deutschen Einheit” in Erinnerung an den Ost-Berliner Volksaufstand 1953. Folglich gab es einen freien Tag mitten im Semester. Was lag für den AVL da Näher als an diesem Tag sein berüchtigtes Picknick zu organisieren. Treffpunkt am Hotmanspief (Alexanderstraße), dann mit der Stadtbahn zur Schutzhütte im Aachener Stadtwald. Hier warteten schon die Bierfässer. Anfang der 60er hatte die Brauerei DIEKIRCH die gute Angewohnheit zwei oder drei Fässer zu spenden. Dies war auch die Ursache für den schlechten Ruf des Picknicks da das Bier die Stimmung und damit den Tatendrang doch sehr förderten; 1963 wurden mehrere AVL’er wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet und außerdem gab es ein Strafmandat für Verunreinigung der Schutzhütte.
  • In den 60er Jahren nahmen Fernsehen und Computer noch nicht soviel von der kostbaren Zeit der Studenten in Anspruch, und so konnte der AVL auch weiterhin eine wichtige Rolle bei der Freizeitgestaltung spielen. Beliebt wurden Exkursionen, so 1961 nach Hupperdange, 1962 nach München, 1963, 1965 und 1967 nach Amsterdam.
  • Wichtig war immer der Gesang . Sogar bei nichthumanoïden Säugetieren mit Sozialstruktur, etwa den Wölfen, dient er zur Beschwörung des Zusammenhaltes der Gruppe und gibt Mut, schwere Aufgaben anzugehen, z.B.: Schafe jagen, Klausuren schreiben, auf den KAREL klettern oder Stiefelleeren. Gesungen wurden noch die alten Burschenschaftslieder, aber immer weniger. Zotige belgische Lieder wie die “Ah la saloppe 7 ” brachten die Lütticher mit. Aus Lüttich kam auch (um 1960) die berühmte “Hesper Kutsch” bis heute die heimliche Hymne luxemburgischer Studenten. Aachen hatte ab 1962 einen eigenen akademischen Männerchor. Gegründet von dem Organisten Charles MEYERS und dem Solisten Jean MARTIN. Hintergrund war hier die Bitte des Luxemburger Botschafters Hommel, die schwache Kolonie in Köln am Nationalfeiertag beim “Te Deum” in der Kirche “Maria Königin” zu unterstützen. Eine schöne Tradition die sich bis heute gehalten hat.
  • Erwähnt wurde schon der Byzutage, auf luxemburgisch Aweihung oder Daaf (Einweihung oder Taufe). Es war um einiges unangenehmer als heute. Wegen der gänzlichen Abwesenheit von Frauen spielten sich die “Epreuves” wesentlich mehr im Unterleibsbereich ab, als dies heute der Fall ist! 8

Kneipen

Für die Einladungen zu den Versammlungen die nun schriftlich formuliert und ausgeteilt werden mußten stand die Vervielfältigungsmaschine im Alexander-von-Humboldt Haus 9 zur Verfügung. Ein Stammbistrot wurde dadurch viel wichtiger. Hier bot sich der “Maastrichter Hof” an, dessen Wirt Heinz Angelskiet so etwas wie der Hilfssekretär wurde. So konnte jeder, der beispielsweise an einer Betriebsbesichtigung teilnehmen wollte, sich beim Heinz in die Liste eintragen lassen.

Es ist klar daß jede Generation sich ihre bevorzugte Kneipe aussucht, hier nur die in denen offizielle Veranstaltungen stattfanden:

1946-1952 “Café Lahaye” am Fischmarkt
1952-1954 “Restaurant am Knipp”
1954 Raußschmiß aus dem Knipp
1958-1961 “Alter Drache” Kleinkölnstraße
“Jakobshof” Jakobstraße
1959-1968 “Bürgerbräu” Jakobstraße
1968-1974 “Corso am Westpark”

Außenpolitik

Die ASSOSS hatte 1953 in Aachen eine Lokalsektion gegründet. Sie verstand sich aber nicht als Konkurrenz zum AVL, blieb auch größtenteils erfolglos. Ihr Gründer Edgard STEFFES schrieb: “.. unsere Aktivität bestand zum größten Teil im Biertrinken”
Aachen hatte einige Aktive bei der Studentengewerkschaft UNEL. Roger THEISEN, Paul PFEIFFER, Georges BLAU, Mathias KERSCHENMEYER, alle in der ASSOSS. Die UNEL wurde 1951 als Dachverband der luxemburgischen Studentenvereine gegründet, ASSOSS und ALUC bekamen eine Sonderrolle zugestanden. Der AVL mußte nach wie vor in politischen Dingen neutral bleiben, und so waren die Flügelkämpfe in der UNEL (wegen Vietnam, des Ostblocks und des Religionsunterrichtes) für ihn eine schwere Belastungsprobe. 1963 führte die UNEL persönliche Mitgliedskarten für die Studenten ein, die von den einzelnen “Cercles” vertrieben wurden. Dabei kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den linken ASSOSS- Mitgliedern unter Georges Blau und dem von Präsident Jean CHRISTOPHE geführten Comité des AVL.
Geschlossen hinter der UNEL stand der AVL allerdings bei der Forderung nach der Abschaffung des obligatorischen Wehrdienstes. 1965 wurde vom AVL ein Brief an den Armeeminister gesandt, in dem man ihn unter anderem darauf verwies, daß mit Luxemburgs NATO-Mitgliedschaft seine Sicherheit gewährleistet sei. Der Satz “…..doivent constater qu’à l’étranger on se moque de l’utilité de notre armée” löste aber eine Kontroverse aus.

In Aachen gehörte der AVL, wie die anderen ausländischen Studentenorganisationen, immer noch der VdAK an. Hier hatten jedoch die Verbindungen die absolute Mehrheit und verhinderten so, daß die VdAK zum Sprachrohr der Ausländervereine für ihre spezifischen Probleme hätte werden können. Der AStA glaubte dieses Problem 1960 lösen zu können, indem er die sog. “Kleine UNO” ins Leben rief. Hier sahen die Europäer sich allerdings gegenüber der dritten Welt in der Minderheit. Nachdem die “kleine UNO”, wie die große, zum wiederholten Male einseitig Israel verurteilt hatte, kündigte Marco HAMMER im Namen des AVL die Zusammenarbeit auf.
In der VdAK fühlten die Luxemburger sich auch nicht mehr ganz glücklich. Erstens interessierten dessen Themen, etwa die deutsche Kriegsgräberfürsorge, sie nicht besonders. (“..Bezuelt mol Ähr Krichsscholden”). Zum anderen war da das strenge Reglement:

  • Geldstrafe bei Nichterscheinen
  • Wortmeldungen nur, wenn man die Mütze hochhielt. Eine Mütze aus den 50er wurde jedes Jahr an den neuen VdAK- Delegierten, ein nicht sehr begehrter Job, weitergegeben. Als diese 1963 an einem feuchtfröhlichen Abend verloren ging, konnte der AVL das Wort nicht mehr ergreifen.

Zudem wurde der AVL immer öfter kritisiert, weil er weder den Vorsitz übernehmen wollte noch die Verbindungen zu seinen Abenden einlud. Um dem abzuhelfen wurde deshalb 1961 ein Filmabend über Luxemburg (mit u.a. einem Werbefilm der ARBED) im Audimax organisiert, dem die meisten Verbindungen folgerichtig fernblieben. Da die VdAK unter dem Eindruck der hochschulpolitischen Diskussionen immer mehr ins rechtskonservative Lager abglitt, zogen der griechische Studentenverein und der AVL die Konsequenz, und Präsident Guy KIND vollzog 1967 den Austritt. Die anderen ausländischen Vereinigungen taten es uns gleich, die VdAK hat die 68er Unruhen nicht überlebt.

Aus der 68er Revolte hielt sich der AVL natürlich größtenteils raus, abgesehen von einer überlieferten Rede von Präsident Erneste KNEIP alias Knippi.

  1. So erscheint das vorher zweisprachige Amtsblatt des Parlaments, der “Memorial”, seither nur noch auf französisch. []
  2. Von den Professoren, nach denen die RWTH Gebäude benannt hat, waren nur zwei nicht in der NSDAP: Théodore von Kàrmàn, er war Jude und Otto Intze, er starb schon 1904! []
  3. Immerhin gab es in Luxemburg erst ab etwa 1958 eine wirksame Studienbeihilfe, die auch materiell schlechter gestellten eine Hochschulausbildung erlaubte. []
  4. So sind laut einer Umfrage von 1952 10% der Westdeutschen der Meinung Hitler wäre ein großer Staatsmann gewesen und 44% halten gar Adenauers Wiedergutmachung an Israel für unnötig. Michael Wolfsohn in SPIEGEL SPEZIAL 2/92 Seite 132. []
  5. ..und viele konnten noch über Trümmergrundstücke abhauen! Laut Polizeiangaben ca 25 Beteiligte. []
  6. 1961 hatten die Aachener die, zu einer “Guindaille” am 31.1 eingeladenen Lütticher wieder ausgeladen. Wegen dem “Altweiber” kamen diese aber trotzdem. []
  7. Präsident Fred Jungels hat sie sogar im Beisein des Konsuls angestimmt! []
  8. Am 9. Nov. 1967 vermerkt das Protokollbuch:

    ” Fin du Byzutage un peu précoce sur force majeure. (On a été foutu à la porte!!”

    (vom Jakobshof.) []

  9. Seit den 70er gelegentlich auch CHE (nach dem lateinamerikanischen Revolutionär Che Guevarra) genanntes Haus, das den Ausländern zur Verfügung steht. Ins AvH-Haus kam auch das Luxemburger Wort. []

Be the first to comment

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.