Bierkomment

Abschrift des Bierkommentes vom SS 1909

Bierkomment

des

Akademischen Vereins

“D`LETZEBURGER”

AACHEN

S.S.1909

1. Hauptstück

Allgemeine Bestimmungen

§ 1.

Der Biercomment ist eine aus dem Gewohnheitsrecht entsprungene rechtskräftige
Norm,nach der sich alle Bierburschen und Füchse des Akademischen Vereins
“d` Letzeburger” wo und wann sie zusammen in commentmässigem
Stoffe kneipen, zu richten haben, und nach der die vorkommenden Bierstreitigkeiten
zu entscheiden sind.

§ 2.

Der Biercomment hat den Zweck, die bierrechtlichen Verhältnisse zu regeln,
ein gemütlich geordnetes Kneipleben herbeizuführen und dem Laster
des stillen Suffes die Spitze abzubrechen.

§ 3.

Die Bierpersonen teilen sich ein, ihrem Bierrange nach: in Bierburschen und
Bierfüchse; ihrer Bierehre nach : in Bierehrliche und Bierschisser.

§ 4.

Ein Fuchs wird Bierbursch, wenn er nach Zustimmung der Majorität der
Burschen sich nach herkömmlichen Brauch aus dem Fuchsstand herausgepaukt
hat.

Ständige Gäste erhalten den Bierrang, der ihnen vom Präsidium
angewiesen wird.

§ 5.

Commentmässiger Stoff ist jedes Bier, ferner Wein und Bowle.

§ 6.

Als Zeiteinheit gelten an der Biertafel 5 Bierminuten
(gleich 3 Philisterminuten).

Der Verlauf dieser Frist wird nur durch ein tempus utile unterbrochen, als
da ist:

  1. Die Zeit während der Ausführung eines Bierexercitiums.
  2. Die Zeit, während an der Kneiptafel ein vom Präsidium
    kommandiertes Lied gesungen wird, während jemand eine Rede hält,
    überhaupt während das vom Präsidium gebotene Silentium herrscht.
  3. Die Zeit während der Bier angefahren wird.

§ 7.

Als Eid in sämtlichen Biersachen gilt das Bierwort; es ist als letzter
& unantastbarer Beweis in Biersachen nur dann zu geben, wenn ein anderer
Beweis wegen Mangels an Zeugen nicht angeführt werden kann.

§ 8.

Das Bierwort kann nie negativ gegeben werden, d.h. es darf nicht auf Bierwort
versichert werden, dass ein anderer etwas nicht gethan habe, sondern höchstens,
dass man es nicht gehört, bzw. Nicht gesehen habe.

§ 9.

Bierwort darf nicht gegen Bierwort gegeben werden. Geschieht dies doch, so
fliegt der Betreffende an den Galgen.

§ 10.

Beschuldigt jemand einen anderen, sein Bierwort leichtsinnig oder wissentlich
falsch gegeben zu haben, so hat derselbe ein Biergericht zu berufen und den
Beweis durch bierehrliche Zeugen zu führen. Ist die Schuld des Angeklagten
erwiesen, so fährt derselbe, abgesehen von anderen Bierstrafen, an den
Galgen.

§ 11.

Es wird immer weitergesoffen.

2. Hauptstück

Vom Präsidium.

§ 12

Das Präsidium führt auf allen Kneipen der Präses des Vereines,
doch kann derselbe es für einen Abend einem anderen übertragen.

§ 13.

Das Präsidium eröffnet und leitet die Kneipe. Bei grösserer
Korona kann dasselbe zu seiner Unterstützung ein Contrapräsidium
ernennen, welches ihm selbst untergeordnet ist, der Korona gegenüber
jedoch dieselben Rechte wie das Präsidium hat.

§ 14.

Während der officiellen Kneipe besitzt das Präsidium eine unumschränkte
Macht in jeglichen Biersachen. Sämtlichen Befehlen des Präsidium
ist ohne Murren Folge zu leisten. Jedwege Bierstrafe , welche dasselbe verhängt,
ist mit stiller Resignation hinzunehmen.

§ 15.

Das Präsidium ist vom Nachtrinken entbunden. Dem Präsidium kann
kein Bierjunge aufgebrummt werden.

§ 16.

Zu jedem Bierexercitium (Salamander, Mimik, u.s.w.)
bedarf es der Erlaubnis des Präsidium.

§ 17.

Jeder muss, wenn er seinen Platz verlässt, um tempus locale, wenn er
das Lokal verlässt, um tempus navigandi etc. Bitten.

§ 18.

Jeder muss, auch wenn er zu spät kommt, ein vom Präsidium zur
Eröffnung der Kneipe der Korona vorgetrunkenes Quantum nachgekommen sein
ehe er einen anderen vor- oder nachtrinken kann.

3. Hauptstück.

Vom Vor- und Nachtrinken.

§ 19.

Soll ein würdiges Mitglied der Kneiptafel besonders geehrt werden,
so wird dasselbe in die Luft gesprengt. Zu diesem Zweck bittet der Obmann
um Silentium für eine Sprengung. Die Sprengenden türmen ihre Gläser
aufeinander. Nach Absingung eines lieblichen Liedes annonciert dann der Obmann
mit vornehmlicher Stimme dass “Struwel” mit so viel Halben resp.
Ganzen als Gläser aufeinander stehen, in die Luft gesprengt sei, worauf
jeder der Sprengenden das annoncierte Quantum zu trinken hat. Der Gesprengte
hat sämtlich Quanten nachzukommen, kann sich jedoch die Hälfte derselben
durch getreue Nachbaren abrechnen lassen. Er selbst muss aber mindestens vier
davon trinken. Der Gesprengte bezw. Die Abnehmer haben jedes Quantum, das
sie noch trinken wollen, dem Obmann deutlich zu annoncieren.

§ 20.

Will jemand einem anderen eine besondere Zuneigung kundgeben, so trinkt
er ihm etwas vor mit den Worten: “Prosit !” Ich komme die einen
Schluck (Stück, Halben, Ganzen Rest, Blume) voraus. Blosses Zutrinken,
Nicken oder Stossen genügt nicht.

§ 21.

Jedes Quantum, von einem Viertel bis zu einen Ganzen, muss angenommen werden.
Dies geschieht mit den Worten: Prosit! (Trink es ! – Sauf es! ` s ist recht!
– Das musst Du! – Höchste Zeit!)

Zusatz. Niemand braucht etwas anzunehmen, wenn er seinen letzten Schoppen
angekündigt hat, doch kann er dann auch mit seinem Rest nicht mehr vortrinken.

§ 22.

Ein vorzutrinkendes Quantum kann ducrch die Worte “Sauf`s doppelt”
überstürzt werden, wodurch der Vortrinkende gezwungen ist, falls
er nicht revorciert, das doppelte Quantum vorzutrinken. Der, welcher überstürzt
hat, muss beide Quanta je binnen 5 Bierminuten nachkommen. Der Vortrinker
kann das überstürzte Quantum nochmals überstürzen mit
den Worten: “Das erste von vieren steigt”, welches vom anderen angenommen
werden muss. Dieser muss dann alle 4 Quanta binnen je 5 Bierminuten löffeln.
Weiteres Überstürzen ist nicht gestattet. Überstürzte
Quanta dürfen nur in den Bauch getrunken werden.

§ 23.

Man braucht von seinem Bierschuldner nichts anzunehmen, ausser wenn er “Ueber`s
Kreuz” hinzufügt, dann hat man “unter` m Kreuz” nachzukommen,
worauf der andere “definitiv” nachkommt.

§ 24.

Jedem vorgekommenen Quantum muss man binnen 5 Bierminuten nachgekommen sein,
widrigenfalls der Vortrinker das Recht hat, zu treten. Dieses geschieht durch
nochmaliges Vortrinken desselben Quantums mit den Worten: “Das zweite
Quantum tritt das erste” (wobei die Erklärung der Annahme des Getretenen
nicht abgewartet zu werden braucht).

Ist der Bierschuldner 5 Bierminuten nach dem zweiten Treten (drittes Quantum
) nicht sämtliche Quanta nachgekommen, so fliegt er ohne weiteres in
den B.-V.

§ 25.

Ein Fuchs kann nur durch einen Bierburschen treten lassen.

§ 26.

Man kann auch einem, der augenblicklich nicht anwesend ist , vor einem bierehrlichen
Zeugen etwas vor- oder nachtrinken, muss es demselben aber nachher mitteilen.

§ 27.

Wird einem etwas “aufs Specielle” vorgetrunken, so braucht man
nicht nachzukommen. Will man aber seine besondere Freude über den gestreichenen
Pfirsich bezeugen, so pflegt man sich mit dem gleichen Quantum zu löffeln.

Auf Quanta, welche “aufs Specielle o.L.” (ohne Löffelung)
vorgetrunken werden, löffelt man sich nicht.

Zusatz: Quanta, mit denen man “aufs Specielle” vortrinkt oder mit
denen man sich löffelt, dürfen anderweitig weder zum Vor- oder zum
Nachtrinken verwandt werden.

§ 28.

Weiss jemand nicht mehr genau, wem er nachzukommen hat, so kann er mit einem
Halben oder Ganzen seinen sämtlichen Bierverpflichtungen nachkommen,
wobei er dieses laut u. vernehmlich zu erklären hat.

4. Hauptstück

Von den Bierexercitien.

A) Der Bierskandal.

§ 29.

Der Bierskandal ist ein Zweikampf, der gemütliche Krakeele in Biergemütlichkeit
zum Austrag bringt.

§ 30.

Der commentmässige Tusch zu einem Bierskandal ist das Aufbrummen eines
Bierjungen, dessen Annahme der Gerempelte sofort mit
den Worten “Prosit” oder “Hängt” zu besänftigen
hat. S. §§ 67, 14; 68,
5; 69, 7.

§ 31.

Der Gerempelte kann einen Bierjungen mit einem Doktor
(2 Schoppen), darauf der erste wieder diesen mit einem Papst
(3 Schoppen) überstürzen.

§ 32.

Jeder Bierjunge, Doktor oder Papst muss, falls sich nicht beide Parteien
für das Aufschieben erklären, binnen zweimal 5 Bierminuten bei Strafe
des B.V. ausgepaukt werden.

§ 33.

Jeder der Gegner hat sich einen Sekundanten zu erwählen und diese wählen
dann den Unparteiischen. Der Unparteiische besitzt während des Bierskandals
sämtliche Machtbefugnisse des Präsidiums (s. § 15).

Sekundanten und Paukanten brauchen als solche keinen Bierjungen anzunehmen.

§ 34.

Kein Bierehrlicher darf sich weigern, Sekundant oder Unparteiischer zu sein.

Ein Fuchs kann nötigenfalls wohl als Sekundant eintreten, nie als Unparteiischer.

§ 35.

Bei Übereinkunft der Paukanten kann der Bierskandal auch mit abgetretenen
Sekundanten ausgepaukt werden. In diesem Falle bestimmt der Fordernde den
Unparteiischen.

§ 36.

Der Gang des Bierskandals ist folgender:

A (Unparteiischer): Silentium! Paukanten und Sekundanten schwirren mit ihren
Haupt- und Nebenstoffen an.

(Nachdem die Waffen untersucht sind): Silentium! Die Waffen sind gut und
äqual.

Der Sekundant des aufbrummenden Teils

A hat das Wort zum Kommando.

A: Ergreift die Waffen!

B: Stosst an !

A: Setzt an!

B: Los: oder Wechselt die Waffen!

A: Stosst an!

B: Setzt an!

A: Los!

Die Waffen dürfen nur einmal gewechselt werden.

Auf Wunsch eines Paukanten übernimmt der Unparteiische das Kommando.

§ 37.

Auf “Los” wird getrunken. Nachdem der Paukant sein Glas geleert,
setzt er es auf den Tisch und donnert seinem Gegenpaukanten das Wort “Bierjunge!”
entgegen.

§ 38.

Nach dem Trinken braucht der Unparteiische jedem Sekundanten nur einmal
das Wort zu geben; darauf fragt er: “Bittet einer der Sekundanten um
eine Erklärung?”

Ist dies der Fall, so erklärt er den einen Paukanten für angeschissen,
bzw. Den Bierskandal für unentschieden.

§ 39.

Der Unparteiische ist unfehlbar und seine Erklärung darf bei Strafe
des B.-V. nicht ungeulkt werden.

§ 40.

Im allgemeinen ist “für angeschissen” zu erklären:

  1. Wer mehr als tropfenweise blutet.
  2. Wer eine auffallend grossen Rest im Glase lässt.
  3. Wer das Glas beim Aufstellen umfallen lässt oder zerbricht.
  4. Wer Bierjunge sagt bevor er das Glas auf den Tisch setzt.
  5. Wer später als sein Gegner Bierjunge sagt.

§ 41.

Jeder der Paukanten muss bei Strafe des doppelten B.-V.
das schuldige Quantum vollständig trinken.

§ 42.

Zum Schluss erklärt der Unparteiische den Bierskandal für ex.
Der Unparteiische kann den Bierskandal sofort für ex erklären wenn
auf beiden Seiten Incommentmässigkeiten vorkommen.

§ 43.

Ein Fuchs darf einem Burschen selbst keinen Bierjungen
aufbrummen, sondern kann dies nur durch einen anderen Burschen besorgen lassen.
Ein Fuchs kann nicht überstürzen.

B) Der Salamander.

§ 44.

Der Salamander wird auf folgende Weise kommandiert: “Silentium für
den Salamander! Sind die Stoffe präpariert?” Ist dies der Fall,
so heisst es weiter: “Ad exercitium salamandri, 1,2,3 los
(auf 3 wird getrunken). Nach dem Absetzen: 1, 2, 3 (auf 3 Anfang des Wirbelns),
1, 2, 3 (auf 3 Aufstossen des Glases), darauf: “Salamander ex! Silentium
ex!

C) Halber (Ganzer) in die Welt.

§ 45.

Um ein allgemein lebendiges Wesen an der Kneiptafel zu fördern, besteht
das nützliche Institut des “in die Welt trinkens”, das ist:
der Halbe oder Ganze, welchen einer “in die Welt” hat steigen lassen,
steigt an der ganzen Korona herum, bis ihn jeder gehabt hat, der letzte trinkt
ihn “unter den Tisch”.

§ 46.

Die üblichen Redensarten hierbei sind: “Es steigt ein Halber (Ganzer)
in die Welt von mir zu Wully!” – “Der Halbe (Ganze) in die Welt
steigt von Wully über mich zu Schluck!” – “Der Halbe (Ganze)
steigt von Spond über mich unter den Tisch!”

§ 47.

Zu einem Halben (Ganzen) in die Welt bedarf es der Erlaubnis des Präsidiums
nicht.

§ 48.

Es kann auch ein Kurier- Halber (Ganzer) in die Welt getrunken werden. Derselbe
steigt, wenn sämtliche Stoffe gehörig präpariert sind, nach
Erlaubnis des Präsidiums, in höchster Eile nach rechts oder links
herum, an der ganzen Korona entlang, unter den Tisch.

5. Hauptstück.

Von den Bierstrafen

A) Vom “ex-pleno“-Bieten.

§ 50.

Jedem Bierburschen steht das Recht zu jedem Fuchs in die Kanne steigen zu
lassen. Geschieht dieses nicht nach dreimaliger Aufforderung (1 ist 1, 2 ist
2, 3 ist 3), so fährt derselbe sofort in den B.-V.
Mit dem Worte “Geschenkt“, erlässt der ex pleno Bietende
dem Fuchse das weitere Trinken.

§ 51.

Das Quantum kann nur in den Bauch getrunken werden.

B) Vom “pro poena“-Trinken und Verdonnern.

§ 52.

Das jüngere Semester stärkt sich vor dem älteren pro poena
bei Strafe des B.-V. (s. § 50) Keiner
darf einen andern mehr als einen Halben pro poena trinken lassen.

§ 53.

Gleiche Semester müssen mitspinnen. Das Quantum darf nur in den Bauch
getrunken werden.

§ 54.

Ein Biergericht kann von demjenigen, der in die Kanne geschickt wird, nur
dann berufen werden, nachdem er sich gestärkt hat.

§ 55.

Auf officiellen Kneipen sind die Rechte der älteren Semester, die jüngeren
Bierburschen pro poena in die Kanne steigen zu lassen, aufgehoben. Das Präsidium
hat allein das Recht jeden sich stärken zu lassen bis zu einem Ganzen
und der Verdonnerte muss das Quantum a tempo in seinen faulen Bauch trinken.

§ 56.

Im allgemeinen ist zu verdonnern:

  1. Wer Silentium nicht inne hält.
  2. Wer ein Lied nicht mitsingt, wer beim Singen absichtlich gräuliche
    Misstöne ausstösst oder sonst einen Kantus mutwillig stört.
  3. Wer nach beendetem Kantus die Bierfibel aufflässt oder sonst
    ohne Erlaubnis des Präses seine Bierfibel aufklappt.
  4. Wer die reguläre Kneipe verlässt, ohne um tempus gebeten
    zu haben.
  5. Wer beim Salamanderreiben das bestimmte Quantum nicht vollständig
    löffelt.

U.s.w.

§ 57.

Wer nach dreimaliger Aufforderung des Präsidiums nicht in die Kanne
steigt, fliegt in den B.-V.

C) Vom Bierverschiss

§ 58.

Bierverschiss ist die zeitweise Ausschliessung von der Bierehre und von
allen Rechten eines bierehrlichen Individuums.

§ 59.

Der Bierschisser darf also:

  1. Sich keine bierehrlichen Handlungen erlauben, nicht vortrinken,
    überstürzen, aufbrummen u.s.w.
  2. Nicht zeugen und sein Bierwort geben.
  3. Kein Biergericht oder Bierkonvent berufen.
  4. An keinem Bierexercitium, Bierskandal, Salamander,
    Kneiplied in irgend welcher Weise teilnehmen.
  5. Nicht gemeinschaftlich mit anderen aus einem Horn und ähnlichem
    trinken.
  6. Sich von keinem Fuchsen oder Burschen Bier anfahren lassen.
  7. Sein Bier nicht auf den Tisch setzen, an welchem Bierehrliche
    kneipen, oder er muss bei Strafe der Konfikation seinen Schoppen auf ein
    besonderes Gschirr setzen, oder sein Glas mit einem deutlichen Kreidestrich
    umgeben.