Verein der Chemiker und Hüttenleute

Eine der benutzten Quellen zur Vorgeschichte des AVL. Aus einer Festschrift zum Stiftungsfest der Montania.

DER FACHVEREIN 1872-1909

DIE ERSTEN ZEHN JAHRE

Bei ihrer Eröffnung bestand die „Königlich
Rheinisch-Westfälische Polytechnische Schule zu Aachen”
aus drei Fachschulen, 1. für Bau- und Ingenieurwesen, 2. für
Maschinenbau und mechanische Technik und 3. für chemische
Technik und Hüttenkunde. Außerdem gab es eine “allgemeine
Schule”, an der mathematische und naturwissenschaftliche
Vorstudien getrieben werden sollten.

Zu Beginn des fünften Semesters der Hochschule, am 18. November
1872, konnten die Aachener Polytechniker – ihre Zahl war von 150
ersten Semester bereits auf 350 angewachsen – am Schwarzen Brett
einen Anschlag lesen, der die Studierenden der Chemie und Hüttenkunde
betraf. Der stud. chem. Julius Kollmann lud seine Fachgenossen ein,
sich zu einem “Fachverein der Chemiker und Hüttenleute”
zusammenzuschließen. Die zur Gründung dieses Vereins für
den Abend dieses Tages einberufene Versammlung war sehr zahlreich
besucht, woraus mit- Recht zu schließen war, dass das Bedürfnis
nach.’ einem solchen Zusammenschluss lebhaft empfunden wurde. Die
Gründung des Vereins ordnungsgemäß vorzubereiten,
wählte die Versammlung eine aus vier Herren gebildete
Kommission, die mit der Aufgabe betraut wurde, Vereinstatuten
auszuarbeiten. Die Kommission bestand aus den Herren Kollmann, v.
Gienanth, Hohmann und Funke. Vier Tage später legte sie bereits
die Statuten vor, die in der Versammlung vom 22. November 1812
einstimmig angenommen wurden. Da ein Verein einen Vorstand haben
muss, schritt man unverzüglich zur Wahl, und noch am gleichen
Abend konnten sich die Herren Julius Kollmann als Präses,
Vermehren als Vizepräses und Friedrich Funke als Schrift- und
Kassenwart für das bezeigte Vertrauen bedanken. Über den
Zweck des Vereins bestand sogleich Einhelligkeit der Meinung:
nämlich, dass er ein doppelter sei, Förderung der
Fachbildung und Hebung der Gemütlichkeit. Es ist nicht zu
bezweifeln, dass die Mitglieder dieser Keimzelle des Corps Montania
es mit dem erstgenannten Zweck ernst meinten und ihn keineswegs nur
augenzwinkernd als Vorwand für den zweitgenannten gebrauchten.
Wissenschaftliche Zusammenkünfte mit Vorträgen und
Kolloquien, Exkursionen, die Einrichtung einer Bücherei und das
Abonnieren von Fachzeitschriften wurden beschlossen, ferner betraute
der Verein einen fünfgliedrigen Ausschuss mit der Herausgabe von
Zeichnungen, die für das Studium der Chemie und der Hüttenkunde
unerlässlich waren und dank der Unterstützung durch die
Professoren Dr. Johann Carl Friedrich Stahlschmidt und Dr. Ernst
Friedrich Dürre auch außerhalb des Vereins Anklang fanden.

Die im Jahre 1873 gedruckten Satzungen, ein leider nicht mehr erhaltenes,
in der Erinnerung als recht paragraphenreich fortlebendes Elaborat,
teilten die Vereinsmitglieder in Aktive, Inaktive und
Ehrenmitglieder. Aktive Mitglieder mussten Studierende oder Gasthörer
der Chemie und Hüttenkunde am Polytechnikum zu Aachen sein. Wer
dem Verein ein volles Semester lang angehört hatte und dann das
Polytechnikum zu Aachen verließ, war Inaktiver. Er besaß
außer Stimm- und Wahlrecht alle Rechte des Aktiven, es war ihm
aber die Verpflichtung auferlegt, die oben genannten Zeichnungen zu
einem Abonnementspreis von drei und einem halben Taler pro Jahr auf
zehn Jahre im Voraus zu bestellen.

Dieser Versuch, die Verbindung zu den Inaktiven aufrechtzuerhalten und
zugleich die äußerst nützliche Herausgabe der
Zeichnungen finanziell zu sichern, scheint nicht die gewünschte
Wirkung gezeitigt zu haben. Trotz eines dem Zeichnungsausschuss zur
Verfügung gestellten Initialkapitals von fünfzig Talern
wurde die Herausgabe der Zeichnungen schon im Frühjahr 1875
sang- und klanglos beendet.

Von Füchsen, Burschen und Alten Herren ist in den Satzungen von 1873
noch nicht die Rede gewesen, wohl aber von Ehrenmitgliedern, zu denen
Persönlichkeiten, die sich besondere Verdienste um den Verein
erworben hatten, mit Zweidrittelmehrheit einer Generalversammlung
ernannt werden konnten. Die einschränkende Bestimmung, dass nur
Vereinsmitglieder Ehrenmitglieder werden konnten, wurde erst 1902 in
die Satzungen aufgenommen, und ab Sommersemester 1909, als aus dem
Fachverein die „Akademische Verbindung Montania” geworden
war, fiel die Ernennung zu Ehrenmitgliedern aus nahe liegenden
Gründen ganz weg. Immerhin hat der Fachverein diese
Gepflogenheit dreißig Jahre lang beibehalten und dadurch, wie
aus der nebenstehenden Liste der Ehrenmitglieder zu ersehen ist,
namentlich die Herren Fachprofessoren geehrt und freundschaftlich
verpflichtet. So wird berichtet, dass die Professoren oft und gern an
den Zusammenkünften des Vereins teilgenommen, auch Vorträge
gehalten und durch Schenkungen die freundschaftlichen Beziehungen
befestigt haben.

Eine neugegründete Hochschule muss, das ist unerlässlich,
zunächst einmal Besucher anlocken. Der Leiter der Aachener
Anstalt, Direktor v. Kaven, hatte dafür gesorgt, dass das
Lehrprogramm und die keineswegs strengen Aufnahmebedingungen in aller
Welt bekannt wurden. Für deutsche Studierende genügte das
Berechtigungszeugnis zum Besuch der Oberprima eines Gymnasiums oder
einer Realschule erster Ordnung oder das Abgangszeugnis einer
Gewerbeschule, bei Ausländern war man mit irgendeinem Zeugnis
einer höheren Schule zufrieden.

Diese Weitherzigkeit hatte natürlich, zunächst zur Folge, dass
die der Hochschule zuströmenden Besucher nach, Herkunft,
Sprache, Studienziel und Lebensgewohnheiten äußerst
verschieden waren. Die Bildung von Vereinen und Zirkeln unter den
Studierenden muss daher vor allem als das Bedürfnis
Gleichgesinnter und gleichen Zielen Strebender, auch nach Sprache,
Herkunft, Vorbildung und Lebensgewohnheiten Zusammengehöriger
sich vom großen Haufen abzusondern, gewertet werden. Schon bald
nach, Gründung des „Fachvereins für Chemiker und
Hüttenleute” zeigte es sich daher notwendig, die Aufnahme
neuer Mitglieder durch Geheimwahl in Form von Ballotage besonders zu
regeln. Die Satzungen wurden bereits am 15. Januar 1873, also noch im
Gründungssemester, in diesem Sinne geändert. Es wurden
ferner schon damals Konventbücher geführt und Semester-
bzw. Jahresberichte geschrieben. Der Vereinsbeitrag von monatlich
zwei bis drei Mark sollte die Kosten der Vereinsgeschäfte
decken, es zeigte sich jedoch, dass des Öfteren Sonderumlagen
zur Deckung außergewöhnlicher Ausgaben erhoben werden
mussten.

Man vermag heute die dreißig Namen umfassende Aktivenliste vom
Wintersemester 1872/73 nicht ohne Bewegung zu betrachten. Dreißig
Studierende naturwissenschaftlich-technischer Disziplinen an der
durch einen siegreich beendeten Krieg und die Errichtung des
Kaiserreiches bezeichneten Schwelle einer Epoche, die man nicht
anders als verheißungsvoll nennen kannte! Wie kaum eine andere
Zeit bot sie unabhängigen selbständigen und urteilsfähigen
Köpfen die Chance, ins Große zu wirken. Nicht wenige der
in den Aktivenlisten des Fachvereins enthaltenen Namen haben in
Wirtschaft und Industrie mehr als lokale Bedeutung erlangt.

Wie ernst es dem jungen Fachverein mit der wissenschaftlichen Förderung
war, beweisen die in den Jahresberichten verzeichneten, regelmäßig
abgehaltenen wissenschaftlichen Abende, die stets mit einem Vortrag
eröffnet wurden und an denen drei Referenten über
Neuerungen und letzte Forschungsergebnisse der reinen und praktischen
Chemie und der Hüttenkunde berichten mussten, ferner die ebenso
regelmäßig abgehaltenen Besichtigungen von chemischen und
hüttenmännischen Betrieben.

Die Chronik hält als Datum des ersten Vereinsabends den 27. November
1872 und als Datum der ersten Exkursion den 3o. November 1872 fest.
Die rasche Aufeinanderfolge von Gründung, erstem Vereinsabend
und erster Exkursion – zum Hüttenwerk Rothe Erde bei
Aachen, das später, als der im Aktivenverzeichnis von 1873/74
genannte Studierende Fritz Kintzlé dort als Generaldirektor
bis zu seinem Tode tätig war, Ziel der ersten Exkursion jedes
Semesters wurde – zeigen den geradezu stürmischen Eifer des
jungen Fachvereins, das Vereinsleben kräftig in Gang zu bringen.

Die der Gemütlichkeit gewidmeten Veranstaltungen und Zusammenkünfte
hatten – wie konnte es anders sein – schon am Beginn den
unverkennbaren Charakter studentischer Kneipen. Es gab einen zu
Anfang jedes Semesters gewählten Vorsitzenden, einen Kneipwart
und einen Bierkomment. Schon im Sommersemester 1873, am 28. Mai,
wählte der Verein auf Antrag des Aktiven Sander den Zirkel.

Bevor nun, nicht ohne ein wenig Rührung, wie man sie aus dem Wissen um das
Gewordene und Vollendete gern den: Anfängen entgegenbringt, des
ersten Stiftungsfestes gedacht werden soll, müssen der Szene
noch Farben und Töne hinzugefügt werden, die dem
Werktagsernst der Stadt der rauchenden Schlote, schlagenden
Webstühle, schwer arbeitenden Dampfmaschinen und ragenden
Fördertürme ein wenig festliche, weil jugendhafte
Heiterkeit verleihen.

In den ersten Semestern nämlich traten bereits farbentragende
Verbindungen in Erscheinung: das 1871 in Aachen gegründete Corps
“Guestphalia” und die im gleichen Semester entstandene
„freie Burschenschaft” „Neo.Germania”, die
sich im Herbst 1872 als „Landsmannschaft Normannia” neu
konstituierte. Das 1855 zugleich mit der Eidgenössischen
Polytechnischen Schule in Zürich gegründete Corps
„Rhenania” siedelte 1872 nach Aachen über. Studenten
mit Mütze and Band im Straßenbild der arbeitsamen Stadt
erweckten freilich damals bei der Aachener Bürgerschaft, deren
Weltläufigkeit eher mit internationalem Badeleben als mit
ausgelassenem Couleurstudententum sympathisierte, zunächst
vielfach misstrauische Ablehnung.

Es darf hier nicht vergessen werden, dass durch die stürmische
Industrialisierung innerhalb des wohlhabenden Mittelstandes eine
soziologisch bedeutsame Umschichtung stattgefunden hatte. Vielfach
waren aus ungelehrten Handwerkern wohlhabende Fabrikanten geworden,
die ihren sozialen Aufstieg ihrem Fleiß, ihrer Tüchtigkeit
und ihrer Sparsamkeit verdankten und von der Jugend die gleichen
bescheidenen Anfänge verlangten. Auch innerhalb der
studentischen Jugend war eine Reformbewegung entstanden, die sich
durch Gründung freier Verbindungen von den Corps distanzierte.
Dazu kommt nun noch, der Umstand, dass die so genannten
Polytechnischen Schulen wie im Kapitel „Aachen und die
Technische Hochschule” bereits dargelegt wurde, zunächst
schlicht als Fachschulen mit hochschulartigen Formen galten und dass
es ein Jahrzehnt währte, bis das Studium an einer solchen
Anstalt als „akademisch” galt. Die farbentragenden Corps
und Burschenschaften, denen es darum ging, ihre Exklusivität zu
bewahren, protestierten ihrerseits heftig gegen das Farbentragen von
Fachvereinen, das von Seiten der jungen Polytechniker bei Gründung
der Hochschule erwogen und angestrebt worden war. Die im ersten
Hochschulsemester kühnlich auftretenden „Fakultäts-
und Fachcouleuren” mussten sogleich verschwinden.

So kam es, dass sich die Fachvereine – außer dem „Verein der
Chemiker und Huttenleute” waren bereits in den ersten Jahren
der die Studierenden des Staatsbaufaches umschließende Verein
„Delta” (1871), der „Verein der
Maschinen-Techniker” und der „Architekten-Verein”
(beide 1873) entstanden- zunächst schlicht als Fachvereine
gaben, die höchstens durch den Zirkel nach außen ihre
Zusammengehörigkeit offenbarten. Im Gegensatz zu den
Fachvereinen wurden Vereinigungen, deren Mitgliedschaft nicht die
Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fach voraussetzte, „freie
Vereine” genannt. Wenn allerdings in der zum 50. Stiftungsfest
des Corps Montania 1922 von A.H. Carl Flecken verfassten Chronik
anlässlich, der Erwähnung des ersten Stiftungsfestes die
Vereine „Delta”, „Verein der Maschinen-Techniker”
und „Architekten-Verein” als „freie Ver­eine”
bezeichnet werden, so kann es sich hier nur um eine andere Auslegung
des Begriffs „freier Verein” handeln, wie sie übrigens
auch aus der 1939 gedruckten „Chro­nik des Corps Delta,
Aachen” hervorgeht. Der Fachverein „Delta” im
November 1871 gegründet, so steht dort zu lesen, sei von Anfang
an ein „freier Verein” gewesen, was schon dadurch
bewiesen sei, dass seine Mitglieder auch anderen an der Aachener
Hochschule zugelassenen Korporationen angehören konnten. Es
wurden jedoch bis 1885 nur Studierende des Staatsbaufaches, von da an
auch Studierende des Staatsbergfaches und von 1886 an auch solche der
Hüttenkunde in den Akademischen Verein „Delta”
aufgenommen.

Außer den Professoren Landolt (Chemie), Dr. Stahlschmidt (Chemische
Technologie) und Dr. Dürre (Hüttenkunde), den Assistenten
Dr. Classen und Dr. Brühl waren zum ersten Stiftungsfest, das am
22. November 1873, am Jahrestage der Gründung des Fachvereins
stattfand, die Vorsteher der oben genannten drei „freien
Vereine” sowie der Ausschuss der 1871 als Interessenvertretung
der Aachener Studenten gegründeten „Polytechniker­schaft”
eingeladen. Es muss ein schönes und erinnerungsreiches
Stiftungsfest gewesen sein. Die Professoren, bärige, in den
vierziger Jahren stehende, nicht nur gelehrte, sondern je nach
Fachrichtung recht kräftig dem industriellen Leben zugewandte
Herren, inmitten der jungen Studierenden der Chemie und Hüttenkunde,
von denen eine stattliche Reihe als Alte Herren auch noch dem Corps
Montania angehörten – mit ihren Namen verknüpfen sich
bleibende Erinnerungen an glückliche und verheißungsvolle
Zeiten, an den Entwicklungsweg vom Fachverein zur Akademischen
Verbindung und zum Corps, den sie mit Rat, Tat, Einspruch,
Zustimmung, Förderung und Unterstiitzung jeder Art begleiteten
-: anstelle des leider nicht vorhandenen Lichtbildes möge man
sich eine zur Pyramide aufgebaute Gruppe romantisch und
biedermännisch zugleich anmutender junger Herren vorstellen, die
teils selbstbewusst draufgängerisch teils philosophisch gelassen
ins Leben blicken und deren mächtige Haarschöpfe und
buschige Schnurrbärte einen seltsamen Gegensatz zu ihre steifen
hohen Eckenkragen, schwarzen Halsbinden und an schwarzen Schnürchen
hangenden randlosen oder goldgeränderten Zwickern bilden. Lange
Tabakspfeifen, mächtige Bierhumpen, Trinkhörner, der an
prominenter Stelle des Bildes angebrachte Zirkel samt der Jahreszahl
1873, mögen das gedachte Erinnerungsblatt vervollständigen.

Der industrielle Fortschritt und die daraus für den Tüchtigen
sich ergebenden beruflichen Möglichkeiten, das erstarkte
Vaterland und der gesicherte Friede dürften in der Stimmung
dieses ersten Stiftungsfestes und vieler weiterer recht kräftig
mitgewirkt haben. Das Lebenslos dieser jungen „Chemiker und
Hüttenleute” hätte nicht glücklicher fallen
können: sie begannen ihr Studium in einer Zeit, die vom
mitreißenden Impetus alle Erwartungen übertreffenden
wirtschaftlichen Aufschwungs erfüllt war, die besten Jahrzehnte
ihres Mannesalters fielen in eine Epoche gesicherten, unabsehbar
scheinenden Friedens, und es bleibt dahingestellt, ob denjenigen,
denen es beschieden war, nach einem von reichem Wissen erfüllten
Leben noch vor der Zeitenwende, die der erste Weltkrieg einleitete,
ins Grab zu sinken, das bessere Los zuteil geworden ist.

Am Rande sei vermerkt, dass die Kosten des ersten Stiftungsfestes für
jedes Vereinsmitglied 3 „Thaler” und 18 Silbergroschen
betragen haben, und dass sich der Mitgliedsbeitrag zum zweiten
Stiftungsfest, das an, 28. November 1874 im Paulushause stieg,
bereits auf 4 „Thaler” und 20 Silbergroschen belaufen
hat. In jenen ersten Jahren wurde mit dem Stiftungsfest meist ein
festliches, musikalisch umrahmtes Abendessen verbunden.

Der äußere Rahmen und das interne Leben des Vereins waren nun
abgesteckt und festgelegt, man hatte zwei Stiftungsfeste gefeiert,
Weihnachts- und Fastnachtskneipen abgehalten, die allwöchentlichen
wissenschaftlichen Abende und die Kneipen erfuhren lebhaften
Zuspruch, es hatte nun alles in sinnvoller Wiederholung Jahr für
Jahr und Semester für Semester im gleichen Stil weitergehen
können. Alles Lebendige aber bleibt nur im steten Wandel
beständig. Ein Fachverein, dessen Mitgliederbestand sich durch
neuaufgenommene Aktive und ausscheidende Inaktive von Semester zu
Semester erneuert, der den Bestrebungen und Wünschen der
Aktivitas gerecht zu werden verpflichtet ist, der also die aktuelle
Problematik und Entwicklungstendenz studentischer Zusammenschlüsse
am eigenen Leibe erfährt und an den befreundeten Fachvereinen
die gleichen Erscheinungen beobachtet, wird Schritt für Schritt,
langsam doch unaufhaltsam dem Ziele, akademische Verbindung zu
werden, zusteuern. Immerhin währte die Entwicklung von
Fachverein zum „Akademischen Verein Montania” 33 Jahre,
und es mag für die heutigen und künftigen Montanen nicht
uninteressant sein zu erkennen, welcher Art die retardierenden
Momente dieses langen Weges waren.

Am 27. Januar 1875 beschloss der Verein, sich Farben und einen
Wahlspruch zuzulegen. Auf Antrag des Aktiven W. Meyer wurden die
rheinisch-westfälischen Farben in der Zusammenstellung
„Grün-Weiß-Rot” gewählt. Der nicht ohne
Augenzwinkern ausgewählte Wahlspruch:

„CORPORA
NON AGUNT, NISI FLUIDA”

entsprach in seiner zweifachen Auslegbarkeit dem doppelten Zweck des
Fachvereins. Er wurde von einem schmunzelnden Gelegenheitsdichter,
der leider anonym geblieben ist, aus Anlass des dritten
Stiftungsfestes mit heiterer Selbstironie in sangbaren Versen
gewürdigt. Das hier wiedergegebene Lied möge auch späteren
Geschlechtern noch Duft und Atmosphäre jener glücklichen
Zeit vermitteln.

Ganz ohne Sorgen sind freilich auch diese Jahre nicht gewesen. Die bereits
erwähnte Montania-Chronik von 1922 verzeichnet von der Gründung
des Fachvereins an bis zum Einzug in das Bärenhaus am 30.
Oktober 1902 nicht weniger als fünfzehnmaligen Wechsel des
Kneiplokals. Die Gründe dieses häufigen Umzugs mögen
nur zu einem Teil in den unvermeidlichen nächtlichen
Ruhestörungen ausgelassener Vereinsbrüder zu suchen sein.
In jenen Jahren, namentlich während des von 1871-1887 in Preußen
tobenden Kulturkampfes, der sich besonders im Bismarckfeindlichen,
linksrheinischen Aachen auswirkte, ließen es die Aachener
Bürger und mit ihnen manche Gastwirte nicht nur an der
entgegenkommenden und verständnisvollen Bereitschaft, wie sie
den Studierenden der Hochschule gegenüber notwendig gewesen
wäre, fehlen, von einer recht militanten Priesterschaft
beeinflusst hielten sie es sogar für ihre Pflicht, die „flädige
Polykadächniker „ zu befehden und ihnen, wo es nur ging,
Schwierigkeiten zu bereiten. Das Bedürfnis der Vereinsbrüder
nach einem Kneipraum, dessen gemütliche Atmosphäre sich
durch die Kneipen vieler Semester und durch liebgewordene
Erinnerungen in Form von Trinkgefäßen,
Einrichtungsgegenständen und vielerlei Wandschmuck immer mehr
verdichtet, konnte erst 1902 im “Bärenhaus”
befriedigt werden. Bis dahin musste der jeweilige Kneipraum, meist
ein wenig gepflegtes Nebenzimmer einer Gaststätte, mit Gesang-,
Turn-, Schach-, Stenographen- und Theatervereinen geteilt werden,
wodurch sich nicht nur Terminschwierigkeiten ergaben, sondern auch
von vornherein die Atmosphäre gestört war. Auch gestaltete
sich die Suche nach einem neuen Kneiplokal, wenn das alte wieder
einmal verlassen werden musste, von Fall zu Fall immer schwieriger,
zumal auch die anderen Vereine und Verbindungen ständig auf der
Suche waren.

Im Wintersemester 1876/77, am 29. November, beschloss der Verein auf
Antrag des Vorstandes, für Neuaufgenommene Mitglieder eine
Prüfung über den “Komment”, die Bierregeln,
einzuführen. Jeder Neuling musste sich nun vier Wochen nach der
Aufnahme von einem dreigliedrigen Ausschuss, dessen Mitglieder die
Rechte von Bierrichtern hatten, prüfen lassen. Bestand er, so
galt er als vollwertig, durfte an der Ballotage teilnehmen und ein
Ehrenamt bekleiden.

Es kann nicht bezweifelt werden, dass die Einführung dieser Prüfung
einen weiteren und nicht unbedeutenden Schritt zur akademischen
Verbindung darstellt. Noch ist nicht von Burschen und Füchsen
die Rede, doch die betonte Unterscheidung zwischen älteren und
Neuaufgenommenen Mitgliedern, die sich in der Geschichte des
Verbindungswesens vom Mittelalter bis zur Gegenwart ausprägt,
weist darauf hin, dass der Verein zu Beginn des neunten Semesters
eine gewisse Tradition besitzt und dass er sich der von ihm zu
leistenden Erziehungsarbeit – strikte Beobachtung des „Komment”
und unbedingte Forderung, in allen eintretenden Situationen
“Direktion” zu behalten – bewusst ist. Da aus Aktiven
zwangsläufig Inaktive werden, die nach beendetem Studium ins
Berufsleben treten, sah sich der Verein nach einigen Jahren vor den,
Problem, die zwischen der wachsenden Zahl der Inaktiven und der
Aktivitas bestehende lose Bindung zu festigen und ihr eine fassbare
Form zu geben. Die Inaktiven fühlten den Wunsch, sowohl mit der
Aktivitas wie auch mit ihren Konsemestern in Verbindung zu bleiben,
sie nahmen, wann immer es ihnen möglich war, an Kneipen und
Stiftungsfesten teil, der Vorstand der Aktivitas versäumte
nicht, sie listenmässig mit genauen Anschriften zu führen.
Bald stellte sich ganz von selbst der Begriff „Alter Herr”
ein. Die Montania- Chronik von 1922, die noch auf die inzwischen
leider vernichteten frühen Jahresberichte als Quelle
zurückgreifen konnte, entreißt mehrere für die
Geschichte des A. H: Verbandes bedeutungsvolle Daten der
Vergessenheit: von 5. bis 14. Juni 188o „so sei im 8.
Jahresbericht mitgeteilt worden, haben sich die „Alten Herren
zu einer G.V. zusammengefunden. Am 8. Stiftungsfest das am 13. und
14. Dezember 1880 gefeiert wurde, konnten zahlreiche A.H. begrüßt
werden. Im gleichen Jahresbericht werden die Anschriften von 81
Inaktiven mit ihren Kneipnamen – den heutigen und allen zukünftigen
Montanen zur Freude sei die in der alten Montania Chronik enthaltene
Auswahl nebenstehend mitgeteilt – angeführt. Wie geläufig
der Begriff „Alter Herr” damals schon war, geht daraus
hervor, dass es üblich war, den scheidenden Inaktiven auf Antrag
„Altherrenkarten” auszustellen. Es blieb sodann nichts
mehr anderes übrig, als den Begriff “Alter Herr”
auch in die Satzungen aufzunehmen, was bereits in der G.V. vom 26.
Januar 1881 geschehen ist. Der betreffende Passus lautete: “Die
A.H. des Verein haben Stimm- und Wahlrecht, können aber selbst
nicht gewählt werden.

Ein Jahr später, zu Beginn des Jahres 1882 gründeten die A.H.
Böllert, Gerresheim, Kintzlé, H. Meyer, Schürmann
und Springorum in Dortmund den A.H. – Verband. Die A.H. Gerresheim
und Schürmann hatten dem Verein als Aktive bereits im
Gründungssemester angehört. Zum Vorsitzenden des Verbandes
wurde AH. Kintzlé gewählt, der dieses Ehrenamt bis zu
seinem Tode am 19.3.1905, aise 26 Jahre lang mit hingebungsvoller
Fürsorge bekleidete. Der Gründungsbeschluss der Dortmunder
Versammlung wurde vom Vorsitzenden A.H. Kintzlé der Aktivitas
mitgeteilt, worauf diese in der G.V. vom 21. März 1882 den
„Antrag von acht A.H. betreffs Gründung eines Verbandes
Alter Herren” feierlich und freudig, wie mit Recht anzunehmen
ist, genehmigte. Mit wissenschaftlicher Exaktheit wird somit der 21.
März 1882 als der Gründungstag des A.H.- Verbandes
bezeichnet, womit also feststeht, dass der A.H.- Verband am 21. März
1957 die 75. Wiederkehr seines Gründungstages feiern konnte.

Von nun an stand der Aktivitas des Fachvereins der ständig wachsende
A.H.- Verband zur Seite. Seine Tätigkeit erstreckte sich nicht
nur auf regelmäßig jähr1ich ein- oder zweimal
abgehaltene A.H.- Tage, die vom Vorsitzenden A.H. Kintzlé mit
bis ins kleinste gehender Sorgfalt vorbereitet wurden, er nahm an
allen Veranstaltungen der Aktivitas regen Anteil, hatte ein offenes
Ohr für die Sorgen und Wünsche des Fachvereins und ließ
es an kräftiger Unterstützung, besonders auch finanzieller
Art, wann immer es nötig war, nicht fehlen. Dies brachte es dann
natürlich auch mit sich, dass die A.H. von ihrem Stimm- und
Wahlrecht den rechten Gebrauch machten und eigenmächtiges
Vorgehen der Aktivitas nicht anerkannten. Es wird sich im Folgenden
zeigen, dass der A.H. – Verband sich nicht scheute, gegenüber
Beschlüssen der Aktivitas, die nicht seine Billigung fanden,
harte Maßnahmen zu ergreifen. Da er zahlenmäßig etwa
vom Jahre 1888 an die Aktivitas ständig übertraf – die
Aktivenzahl war vom mehr oder minder zahlreichen Besuch der
Hochschule abhängig und ging trotz Keilbetriebes gerade in den
neunziger Jahren sehr zurück – war es ihm ein Leichtes, seinen
Willen durchzusetzen. Davon wird noch ausführlich die Rede sein.

Inzwischen war in dem seit Gründung der Aachener Hochschule verflossenen
Jahrzehnt Entscheidendes für die Entwicklung der Technischen
Hochschulen Preußens geschehen. Zunächst waren sie im Jahr
1879 aus dem Ressort des Handelsministeriums in den des
Kultusministeriums übergegangen, womit bereits verwaltungsmäßig
Gleichstellung gegenüber den Universitäten erreicht worden
war. Es sei hier daran erinnert, dass das preußische
Kultusministerium bereits vor Gründung des Aachener
Polytechnikums es als eine neue Aufgabe des Staates erkannt hatte,
der nach Wissenschaft und Forschung strebenden Technik eine
Bildungsanstalt vom Range einer Universität zu schaffen. Nachdem
nun auch durch Vereinigung der Bauakademie und der Gewerbeakademie in
Berlin die Technische Hochschule Berlin entstanden war und die
Staatsregierung sich entschlossen hatte, dieser zum Vorbild
bestimmten Anstalt eine universitätsmäßige Verfassung
zu geben, musste schließlich dem Wunsche der Polytechnischen
Schulen zu Aachen und Hannover nach der gleichen Verfassung
stattgegeben werden. In dem am 27. August 188o vom preußischen
König genehmigten neuen Verfassungsstatut erhielt die Technische
Hochschule zu Aachen volle Selbstverwaltung, das ständige
Direktorat wurde in ein Wahlrektorat umgewandelt. Gleichzeitig wurde
das Lehrprogramm in fünf Abteilungen gegliedert, Abteilung IV,
Chemie und Hüttenkunde, wurde um das Bergfach erweitert.

Dass zur gleichen Zeit, da die Technische Hochschule zu Aachen nicht nur
dem Namen nach sondern auch verfassungsmäßig und im
Ansehen der Öffentlichkeit Universitätsrang erhielt, die
Zahl der Studierenden, die im Gründungsjahr 150 betragen und bis
1875 auf 45o gestiegen war, bedenklich absank und 1882 mit 144
Studierenden den tiefsten Stand erreichte, steht zu der eben
geschilderten Entwicklung nicht in ursächlichem Zusammenhang.
Die Gründe für diesen vorübergehenden Tiefstand mögen
vielmehr in Umständen und Erscheinungen gesucht werden, die mit
dem Charakter und dem Ruf der Hochschule nichts zu tun haben, wie zum
Beispiel der Krise der rheinischen Industrie nach den Gründerjahren,
ferner im Eingehen der Gewerbeschulen, deren Absolventen meist an
Polytechnischen Schulen studiert hatten und Schließlich in der
1876 erklärten Freizügigkeit der Polytechniker, durch die
norddeutsche Studenten in die Lage versetzt wurden, ihrem Zuge nach
süddeutschen Hochschulen nachzugeben. Zwei weitere Umstände
mögen ebenfalls eine Rolle gespielt haben: die Verlängerung
des Studiums für technische Staatsbeamte von drei auf vier Jahre
und die Verschärfung der Aufnahmebedingungen für
Staatsanwärter vom Jahre 1877.

Die Erweiterung des Lehrprogramms der Aachener Hochschule durch das
Bergfach gewinnt aus dieser Perspektive einen neuen Aspekt: die Lage
Aachens am Rande eines Bergbau- und Hüttengebietes zog
Studierende dieser Fachrichtung an, da denn nirgends so wie hier
Theorie und Praxis in fruchtbarer Wechselwirkung sich ergänzen
konnten. Dem „Verein der Chemiker und Hüttenleute”
war die Erweiterung des Hochschulprogramms um das Bergfach nicht
unwillkommen. Nachdem die Bergleute der Hochschule zuzuströmen
begannen, beschloss er, vom Wintersemester 1883/84 an auch
Studierende des Bergfaches aufzunehmen und den Namen des Vereins
sinngemäß in „Verein der Chemiker, Berg- und
Hüttenleute” umzuändern. Gleichzeitig erhielt der
Zirkel seine heutige Form. Der A.H. Verband erklärte sich mit
diesen Änderungen einverstanden.

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