Rull de Waak

Die Nazizeit

Bemerkung:

Dieses gesamte Kapitel bedarf, aufgrund neuer Erkenntisse durch Aktenfunde, eigentlich einer gründlichen Revision.

Weder ist die Liste vollständig, noch der beschriebene Ablauf der Handlung. Falsch ist die Darstellung inzwischen nicht, wohl aber etwas zu gedrängt.

Nach einer Publikation wird eine überarbeitete Fassung, vermutlich auch hier zu lesen sein.

Luxemburgs Studenten und der Nationalsozialismus

Den Garaus machte dem Verein aber die Machtübernahme der Nazis durch Hitler am 30. Januar 1933. Im selben Jahr begann der luxemburgische Studentenverein ASSOSS unter Präsident Henri KOCH 1 seine Agitation gegen die Nazis. Die Katholiken (AV) waren Deutschland gegenüber gespalten in Bewunderer und gemässigte Kritiker. Ab 1938 waren sie entschiedene Gegner der Nazis.

Die Nazi-Ideologie war theoriefeindlich. Im Krieg müssen alle so schnell wie möglich einsatzbereit sein. Darum mußte der Lehrstoff gekürzt und vereinfacht werden, um die Studienzeit unter 3 Jahre zu drücken und die Studenten zudem noch politisch “bilden” zu können, vorbei die Freiheit der Lehre. Darum sank das Ansehen der RWTH in Luxemburg, obwohl sich die Aachener Professoren recht erfolgreich der Umsetzung der Naziabsichten widersetzten. 2
Das alles führte dazu daß nur noch zwei Luxemburger sich nach 1933 einschrieben. Viele Luxemburger die 1933 noch nicht allzuweit im Studium fortgeschritten waren wechselten nach Zürich. Sie führten dort Traditionen aus Aachen in den 1930 gegründeten Züricher Studentenverein ein.

Ab 1935 wurden alle deutsche Verbindungen aufgelöst, d.h. in nationalsozialistische “Kameradschaften” umgewandelt. Die deutschen Studenten mußten sich dem NS-Studentenbund, oft sogar der SA anschließen um weiterstudieren zu können. Der AVL sah sich ab 1934 außerstande noch ein geregeltes “Kneipleben” zu führen oder auch nur einen Vorstand zu stellen. Der einzige noch lebende Zeuge aus dieser Zeit, Norbert PüTZ schildert das Vereinsleben folgendermaßen:

“Als ich 1935 meine Studien begann, waren noch folgende Luxemburger anwesend:

  • Jhiss DUPONT,
  • Paul WAGNER,
  • Norbert PROTH,
  • Tun LANNERS,
  • Henri MEYERS,
  • Egide KAYL,
  • Louis KESSELER,

Mitglieder des AVL wie ich auch. Nichtmitglieder: Eugène Müller und Charles MASSARD . Der AVL hatte ein Vereinshaus schräg gegenüber dem Ponttor. Wir hatten als Stammlokal die ‘Vier Jahreszeiten’gegenüber dem Stadttheater. Hier trafen wir uns Sonntags zum Frühschoppen an einem Stammtisch mit Vereinsfähnchen. Das Stiftungsfest wurde alljährlich hier abgehalten. Zu meiner Studienzeit gab es keine Chargen mehr, informelle Vereinssitzungen waren rar.”

Doch Leute wie Jhiss oder Paul WAGNER al. Kleuty, welche die Depression überlebt hatten ließen sich nicht zu Änderungen ihrer Gewohnheiten zwingen. Dabei hatte sich das Umfeld sehr gewandelt! Zuvor waren die Studenten mit den Mützen ihrer Verbindung im Hörsaal erschienen, nun in kackbrauner (SA) oder gar schwarzer (SS) Uniform. Wenn die Luxemburger sich wie gewohnt in den Biergarten setzten, mußten ihre deutschen Kommilitonen zur Wehrsportübung ausrücken 3 . Die Zeit der großen Kneipen war vorbei, dennoch weiter schreibt N. Pütz:

“Zu meiner Studienzeit muß ich bemerken, daß innerhalb des Vereines das Klima allgemein euphorisch war. Dies läßt meines Erachtens die lange Studienzeit (v. Jhiss, Kleuty und Chemick A.d.R) erklären, auch daß der Stammtisch innerhalb der Woche immer etwas besetzt war.”

In der Folge arbeitete man mit der Hollandia und den Luxemburgern in Louvain und Bonn zusammen, um Geselligkeit in größerem Kreis erleben zu können. 4

Das Verhältnis zu Bevölkerung und Professoren bleibt gut: “ich wurde beispielsweise mit einem Kommilitonen von Prof. Lipp zu einem Musikvortrag eingeladen. Er spielte Flöte, seine Frau Prof. Maria Bredt von Savelsberg 5 begleitete ihn am Flügel.” N. Pütz
Ganz ungetrübt blieb dieses Verhältnis aber nicht. So erwähnt der ehemalige Pressesprecher der RWTH Reinhard Roericht in einem Brief, einen Vorfall den er 1969 6 im ehemaligen Archiv des Reichsstudentenführer entdeckt hatte: Ein übereifriger SA-Student hatte Anzeige erstattet da ihm mehrere Luxemburger in der Mensa den “Deutschen Gruß” nicht erwidert hatten. Das Rektorat verschleppte den Fall einfach auf bürokratischem Wege, ohne Schaden für die Luxemburger.
Am 29.2.1936 interessiert sich auch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda für den AVL!:

V E R T R A U L I C H !

Betrifft: Organisation der ausländischen Studenten an deutschen Hochschulen.

Ich bitte um Mitteilung, wieweit die ausländischen Studenten bereits in Verbänden oder Vereinen usw. zusammengefaßt sind, und wieweit eine Möglichkeit besteht, die ehemaligen ausländischen Studenten mit ihrer Heimanschrift durch die Universität zu erfassen.

Heil Hitler

im Auftrage:

gez. H. Scharrenbroich

Otto Gruber, der Rektor, zieht sich elegant aus der Affäre indem er dem Ministerium die offiziellen Anschriften gibt: AV d’Letzeburger Ludwigsallee_1a; AV Hollandia, Templergraben 66 . Ein Blick ins öffentliche Einwohnerverzeichnis 7 hätte dasselbe ergeben! Zu den Heimanschriften erklärt er, ja er habe sie, könne aber keine Sekretärin abstellen um sie rauszusuchen. Damit war die Sache gestorben. Der ARBED-Direktor und AH des AVL Arthur KIPGEN der 1937 auch eine solche Liste für die ALI haben will erhält diese anstandslos!

Was kann Göbbels’Ministerium mit unseren Adressen vorgehabt haben? Im Olympiajahr 1936 war Deutschland bemüht sich im Ausland ein gutes Image zu verschaffen. Sicher ging man davon aus, daß Leute die in Deutschland studiert hätten noch am ehesten für die Naziideologie zu gewinnen seien. Wollte man diese mit Propagandamaterial bombardieren? Bei der Invasion am 10. Mai 1940 hatten die Deutschen ausführliche Freund/Feindlisten mit Adressen! Stammten diese vielleicht auch aus solchen Quellen?

Im SS 1939 beendete Norbert PÜTZ sein Studium, als letzter aktiver Luxemburger Student in Aachen. Der AVL war damit suspendiert. Pütz nahm die Fahne an sich damit sie nicht in fremde Hände fiele. Leider sollte sie den Krieg nicht überstehen:

“Nach Erhalt meines Diploms (….) nahm ich eine Stellung im Forschungslabor Dr. Carl Gentner in Göppingen an. Im Spätherbst fand tagsüber ein einmaliger Luftangriff statt. Die abgeworfenen Markierungszeichen über dem Verschiebebahnhof wurden vom Wind über die Oberstadt abgetrieben, wo ich eine Dienstwohnung hatte. Dieselbe wurde durch ein Paket Brandbomben getroffen und brannte in kurzer Zeit vollständig ab. Leider ging damit auch die Fahne verloren. Meine Frau konnte sich noch mit dem kleinen Sohn aus dem Haus retten”

Die Luxemburger im Krieg

Im zweiten Weltkrieg haben wir zunächst eine ähnliche Situation wie 1914. Die Besatzer verbieten die Aufnahme eines Studium außerhalb des Reiches. Mehrere Luxemburger schreiben sich 1941 an der RWTH ein. Die Studienbedingungen sind fast unerträglich, die Studenten werden dauernd zu Aufräumarbeiten herangezogen.

Luxemburger werden von den Nazis nun als “Volksdeutsche” betrachtet und müssen u.a. an den sog. Wehrsportübungen teilnehmen. Da sie sich weigern, wird allen die Studienzulassung entzogen. Die “Liste der Volksdeutschen Studierenden 1932-1950” vermerkt bei den unten aufgeführten Studenten: “gestrichen am 15.3.1943”

Die Namen sind mit einem Kreuz markiert welches weiter unten auf der Liste mit der nazideutschen Bemerkung “zurückgezogen zum Ausgleichsdienst” erklärt wird, d.h. sie wurden zur Zwangsarbeit in deutschen Fabriken verpflichtet. Besonders schlimm trifft es Paul Herriges, der Jüngste von allen wird gleich zwangsrekrutiert. Robert SCHANEN, der sein Studium so gut wie beendet hatte, Paul METZ (Dr. H.c. RWTH) sowie Edmond GLAESENER und Erneste GLAESENER mußten bis Kriegsende warten und gehörten zu den ersten die 1946 wieder die Diplomhauptprüfung bei Prof. Walter Eilender ablegen.

Familienname Vorname geboren am Einschreibung am Bemerkung
Herriges Paul 24.02.1921 26.4.1941
Müller Georg 12.1.1920 26.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Tesch Emmanuel 9.12.1920 26.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Strasser Leo 1.5.1918 29.4.1941 exmatrikuliert am 4.11.1943
Felten Nikolaus 28.10.1919 29.4.1941
Schanen Robert 27.8.1918 30.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Metz Paul-Leo 4.6.1918 30.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Glaesener Edmond 10.8.1918 30.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Glaesener Ernst 22.7.1920 30.4.1941 gestrichen am 15.3.1943
Dondelinger Gustav 1.3.1920 2.5.1941
Feltes Ernst 9.1.1920 12.5.1941

Die AHAH im zweiten Weltkrieg

Am 1.9.1939 fiel Hitler in Polen ein und löste den II Weltkrieg aus, Frankreich und Großbritannien erklärten Deutschland den Krieg. Die Hochschule mußte wegen ihrer Grenznähe schließen. Am 10. Mai 1940 überfiel die Wehrmacht Luxemburg das bis zum 10. September 1944 unter deutscher Besatzung blieb. Die GESTAPO verbot die Studentenvereine AV (am 13.8.1940 ) und ASSOSS (am 11.11.1940). Dem Altherrenverein des AVL war keine geschlossene Tätigkeit mehr möglich, daher seien einige bekannte Einzelschicksale seiner AHAH dargestellt:

  • Robert FLESCH und Jules THIRY starben auf der Flucht nach Frankreich, nach der Invasion am 10. Mai 1940.
  • Wegen seiner frankophilen und patriotischen Haltung wurde Jean Baptiste Soisson eingesperrt und starb im Konzentrationslager Sachsenhausen am 24.9.1942.
  • Um gegen die am 30.8.1942 eingeführte Wehrpflicht für junge Luxemburger zu protestieren, kam es noch am selben Tag zum landesweiten Generalstreik. Nach dessen blutigen Niederschlagung kam der Direktor des ARBED-Werkes Schifflange, Mathias KOENER für sechs Monate in Gestapohaft. Er wurde nur zum Sterben (am 7.3.1943) freigelassen.
  • Viele dieser jungen Leute flohen nach Frankreich, um sich über Spanien zu den Alliierten durchzuschlagen. Franz GOERENS alias Gog, Direktor der Aciéries des Ancizes in Puy de Dôme, entzog so manche dem Zugriff der Deutschen indem er sie zum Schein in seiner Fabrik beschäftigte. Dadurch erhielten sie gültige Papiere und gelangten nach England. 8
  • Nach dem Streik bestand der Widerstand der Luxemburger Arbeiter vor allem in Sabotage und absichtlichen Verzögerungen. Als der Reichswehrwirtschaftsführer 1944 feststellte daß die Produktion der ARBED nur ein Viertel des Reichsdurchschnittes betrug, wurden Aloyse MEYER, Generaldirektor der ARBED, und sein Sohn Frank, Vorsitzender des AVL, nach Deutschland verschleppt. Ihr Leben wurde nur gerettet weil sich deutsche Ingenieure aus der Direktion von Thyssen für sie einsetzten. 9
  • Rudolphe ENSCH hatte 1918 und 1919 in Aachen studiert, wechselte dann an die Ecole Militaire de Saint Cyr wo er 1922 abschloß. Die Regierung verweigerte aber die versprochene Anstellung, weshalb er sich in die Légion Étrangère meldete. Mit dieser kämpfte er 1942 in Tunesien gegen Rommels Afrikakorps, geriet in Gefangenschaft, aus der er über Spanien nach England floh. Hier wurde er von der Luxemburger Regierung zum Verbindungsoffizier zum SHAEF 10 ernannt. Nach dem Krieg war er Kommandant des 2. Battaillons in Dudelange. Ihm wurden 1946 zu Unrecht Putschabsichten unterstellt, weshalb er auf einen Verwaltungsposten abgeschoben wurde.11
  • Kollaborateure gab es auch; Tipp berichtet von einem: “Er war Ingenieur auf ARBED-BELVAL, verheiratet mit einer Aachenerin, war plötzlich nach seiner Rückkehr aus der Emigration 1940 Nazi geworden. Ehrgeizig witterte er Morgenluft und brachte es bis zum Ortsgruppenleiter. In dieser Funktion nahm er mich in die Zange und drohte mir mich bei der GESTAPO anzuzeigen.” 12
  • Ein leidiges Kapitel ist die Epuration. Oft beruhten Anzeigen nicht auf Gerechtigkeitssinn, sondern auf Sozialneid und persönlichen Ambitionen. So sah sich Alfred SEEBURGER alias Stack, ein sehr verdientes Mitglied des AVL (Sekretär 1925 und 1926), dem Vorwurf der Kollaboration ausgesetzt (und seiner Entlassung). Nachdem seine Unschuld erwiesen war (!), wurde er wieder eingestellt. Doch hatte ihn das ganze Verfahren derart angewidert, daß er sich zur Belgo-Mineira Brasilien versetzen ließ.
  1. Henri Koch-Kent: “Vu et entendu” vol. 1 []
  2. Außer bei der Entlassung ihrer jüdischen Kollegen, da handelten sie, bis auf wenige Ausnahmen, recht egoistisch. []
  3. Akademia paques 1936: Jos Maertz “München Zugspitze” []
  4. Akademia Paques 1936, F.G. al. Spond. P 57 []
  5. Sie war die erste Frau überhaupt die an der RWTH einen Abschluß erhielt. Sie ist Doktorvater des Luxemburgers Norbert Proth al. Chemick. Oder heißt das Doktormutter ? []
  6. Bei der Erstellung der Festschrift “100 Jahre RWTH” []
  7. Vergleichbar mit dem Telefonbuch heute. []
  8. Henri Koch-Kent: “Vu et entendu” vol 2 []
  9. Felix Chomé “ARBED” 1960 []
  10. Suprime Head of the Allied Expeditionary Forces, das Gegenstück zum Oberkommando der Wehrmacht. []
  11. Henri Koch-Kent: “Putsch in Luxemburg ?” 1980 []
  12. Brief vom 19.1.1994 []

Be the first to comment

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.