Rull de Waak

Das Silberne Zeitalter 1919-1933

Über diesen Zeitraum wissen wir besser Bescheid. Fotos waren nun schon billiger als 1911, damit auch für weniger betuchte Studenten erschwinglich. Es wurde nun üblich regelmäßig Erinnerungsfotos zu schießen. Ab etwa 1925 gab es auch private Apparate, so daß mehrere “spontanere” Bilder entstehen konnten!

Vor allem aber gibt es hier noch (im Jahre 1997) lebende Zeitzeugen, die befragt werden konnten! Ihnen herzlichen Dank:

  • André FUNCK alias Nool (1930-1934)
  • Hubert HEISBOURG alias Pum (1922-1926) † 1994
  • Norbert PÜTZ (1935-1939)
  • Alfred SEEBURGER alias Stack (1923-1928)
  • Egon ZANDER alias Tipp (1923-1932) † 1997

Ganz besonderen Dank an Tipp!

Das Studienumfeld in den 20ern

Das Ende des ersten Weltkrieges brachte einige Veränderungen für die Hochschule und seine Studenten. Zunächst eine rein äußerliche: Das Ende der Monarchie bedeutete das aus für den Namen “Königlich Technische Hochschule”, seither heißt diese Schule RWTH. Weniger förmlich war da schon der regelrechte Ansturm der Studenten auf die Hochschule. Einige waren 4 Jahre lang durch den Krieg vom Studium abgehalten worden und wollten dies jetzt unbedingt nachholen. Die deutsche Industrie war in diesem Krieg völlig intakt geblieben und Ingenieure wurden gebraucht. Zudem waren ja auch die Mitarbeiter der Institute, ja sogar einige Professoren, eingezogen worden und so begann das SS 1919 sehr chaotisch. Ein weiteres Problem war, daß die Hochschulen in ganz Deutschland jetzt mit einem ganz neuen Problem konfrontiert waren: Seine Studenten hungerten! Viele Eltern waren durch Kriegsanleihen an den, nun bankrotten, Staat und durch die Wucherpreise auf dem (Lebensmittel-) Schwarzmarkt verarmt. Letzteres traf auch auf manche Luxemburger zu, die ja ebenfalls unter der “Hungerblockade” gelitten hatten. Um dem Übel abzuhelfen kam es zur Gründung der Studentenwerke, mit ihrer bekanntesten Einrichtung der MENSA. Max Eckert:

“In Anbetracht der schwierigen Ernährungsverhältnisse in Aachen beauftragten Rektor (A.d.R. Adolf Wallichs) und Senat am Anfang des Jahres 1920 Prof. Eckert die Einrichtung einer Mensa academica vorzunehmen. (…) so entschloß man sich schweren Herzens die Talbothalle als Speisesaal einzurichten. Die Hälfte blieb dem Turnbetrieb offen gehalten. (….) Im Abonnement kostet das Mittagessen, aus Suppe und einem Gang bestehend 4 M. und das Abendessen, eine dicke Suppe mit Zubrot 3 M.”

Zum Vergleich: 1914 lag die durchschnittliche Monatsmiete für ein Zimmer mit Halbpension zw. 70 und 80 Mark. Sippy bezahlt im SS 1911 für 8 in Anspruch genommene Vorträge und Übungen, zuzgl. Krankenkassenbeitrag: 133,5 Mark.

In die Politik hatten die Studenten sich vor 1914 selten eingemischt. Das hatte sich nun geändert! Die Revolution hatte die Monarchie, im November 1918 abgeschafft und demokratische Wahlen ermöglicht. Doch die Republik hatte viele Feinde, links und rechts, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckten. Auch gab es regelrechte Hungeraufstände, in Aachen z.B. den der Hüttenarbeiter von Rothe Erde am 4.11.1919. Aufgrund ihrer Herkunft waren die meisten Studenten in Aachen antidemokratisch eingestellt. Die ehemaligen Soldaten litten darunter den Krieg verloren zu haben. Die Schuld für die Niederlage sah man nicht in der eigenen militärischen Schwäche, sondern wies sie der Republik zu. Als im März 1920 einige Militärs und sogenannte Freikorps, unter Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp gegen die demokratische Regierung putschten, zwangen die Arbeiter an Rhein und Ruhr durch Streiks und Massenkundgebungen die Putschisten in die Knie. Die Aachener Chronik berichtet:

“Am 15.3.1920. Durch Aachen zieht ein gegen den Kapp-Putsch gerichteter Demonstrationszug. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Theater wird mit roter Farbe bestrichen. Am Abend: Gegendemonstration der Studenten.”

Diese Politisierung der Studenten bescherte der RWTH aber auch die verfaßte Studentenschaft und damit die eingeschränkte studentische Mitbestimmung. Geburtsstunde von Studentenparlament und AStA (damals: Akademischer Studenten Ausschuß) und VdAK die Vertretung der Aachener Korporationen. Letzterer gehörten auch die beiden ausländischen Verbindungen, AVL und Hollandia, an. Sie war aber ein eher machtloses Instrument, und existierte nur bis Anfang der 70er Jahre 1 .

Deutschland war von den Alliierten zu Reparationsleistungen gezwungen worden. 1923 befanden diese, daß Deutschland bei den Kohle- und Holzlieferungen seine Verpflichtungen nicht ganz erfüllt habe. Deshalb besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet (und das Rheinland). Die Antwort der Deutschen war passiver Widerstand: Boykott französischer und belgischer Waren, Streiks und teilweise Sabotage. Daraufhin wurde der Bahnbetrieb von belgischen und französischen “Cheminots” übernommen, unter dem Kurznamen Régie. Dadurch kamen viele ausländische Zivilisten nach Aachen. Insbesondere die Studenten begegneten den Besatzern mit Haß. So blieb die studentische Szene national,noch nicht nationalsozialistisch, ausgerichtet. Aber schon 1929, früher als in anderen Städten wurde in Aachen ein Nationalsozialistischer Studentenbund gegründet, der aufgrund oben geschilderter Zustände rasch regen Zulauf erhielt.

Und die Luxemburger?

Der Verein konnte zunächst die hohe Mitgliederzahl halten. Mehrere Gründe:

  1. Der Ruf der Hochschule war noch erstaunlich gut!
  2. Zwar war jetzt die Studienwahl wieder frei, aber da der Krieg zu Ende war, trauten sich mehr Leute nun zu studieren.
  3. Viele hatten wie Camille MERGEN 2) in München oder Berlin angefangen. Verglichen mit diesen Städten war es in Aachen recht ruhig gewesen!

Nach 1920 trat die UnionEconomique Belgo-Luxembourgeoise in Kraft. Aachen verlor für Luxemburg die Vorteile die der Zollverein geboten hatte. Das Hüttenwerk Aachen- Rothe-Erde ließ sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben und wurde von seinen luxemburgischen Besitzer stillgelegt. Die Krise von 1923 verarmte auch Luxemburger. Die Zahl der Neueinschreibungen von Luxemburgern an der RWTH sank drastisch ab! Der Verein befand sich nun in einer gewissen Rezession, hatte aber seine Traditionen verfeinert. Daher die Bezeichnung “silbernes Zeitalter”.

Politisch blieb die Studentenschaft in Luxemburg in Anhänger von ASSOSS (linke) und AV3 (kath. Rechte) gespalten 4, im Verein wurden diese Differenzen aber nicht ausgetragen. Im Gegenteil. 1925 gab es unter Präsident Pum einen kommunistischen Schriftführer Stack und den kath.Kassierer Tipp ohne daß dabei Probleme auftauchten. Egon Zander hierzu:

“Es wurden nie in Aachen politische Diskussionen zwischen Luxemburger Studenten geführt und auch nicht zwischen mir und deutschen Kommilitonen. Letzteres nicht aus Vorsicht, sondern wegen Interesselosigkeit”

Dennoch stießen die Luxemburger erstmalig, wegen der Politik, bei ihren deutschen Kommilitonen auf Ablehnung, ja teilweise auf offene Feindschaft: Dabei waren sie von der Mitbestimmung im AStA ausgeschlossen, Wahlrecht hatten nur Reichsinländer. Grund war insbesondere die schon erwähnte Ruhrbesetzung und die darauf einsetzende Megainflation. Die frankophilen Luxemburger beteiligten sich nicht am Boykott, im Gegenteil. Egon Zanderschreibt:

” Es gab den Cercle Militaire Belge alias Soldatekring, eine Kantine, gegründet von Flamen, wenn ich mich gut erinnere lag er in der Kleinmarschierstrasse. Direktor war der Aumônier der belgischen Besatzungstruppen. (…) Neben Speisesaal, ein Billardzimmer sowie einen großen Kinosaal. Zigaretten, Schokolade, Gebäck usw. konnte man kaufen. Wie wir Stammgast wurden ?! Wer französisch sprach und Franken in der Tasche hatte konnte stillschweigend im Kring verkehren. Übrigens war in der Hartmannstrasse ein weiteres belgisches Lokal, wo wir manchmal essen gingen. Sicherlich aus diesem Grund konnte man auf einer Hochschultoilette lesen: Nieder mit den luxemburgischen Verrätern”

Also Futterneid! Die Luxemburger hatten Franken und keine wertlosen Reichsmark. Auch der Verein war sehr reich, durch die vielen Mitglieder (immerhin nach der Frankonia5 der zweitgrößte) und der nun sehr zahlungskräftigen Altherrenschaft. War doch die Führung der ARBED fest in Aachener Hand. Daher konnten sie sich die teuersten Lokale leisten, z.B. das “Lavenstein” 6, in dem vor dem Krieg eine andere Verbindung ihr Heim hatte! Dasselbe Problem kannten auch die Holländer die ab 1930 zu keiner Verbindung, außer dem AVL, noch Beziehungen unterhielten. 7 . Freilich gab es auch damals schon einige Angeber unter den Luxemburgern die Neid und Haß noch unnötig schürten, z.B. Zigarette mit Reichsmarkscheinen drehen. Unsere Alten Herren wissen von drei luxemburgischen “Panzvollisten” die einen Wirt gefunden hatten der alle deutschen Gäste rauswarf wenn sie aufkreuzten. Sie zahlten halt in harter Währung! In diesem Zusammenhang, die offiziellen Anschriften des AVL laut Einwohnerverzeichnis:

1910 “Englischer Hof” Eigner:Schönweis (Köln)
Wirt: Metz Franz
Hartmannstr 17
1922 “Am Lavenstein” Eigner Brauerei W. Decker & Söhne Gerlachstrasse 20/22
1928 “Lüneburger Hof” Eigner Hamers P. Rentner
Wirt Paustenbach Joseph
Templergraben 42
1929 “Limburger Hof” Eigner Wilberts L. Templergraben 42
1931 “Pontklause” Gastwirt und Eigner W. Smeets
Kellner H. Eysen
Ludwigsallee 1a

Privat allerdings hatten die meisten ein gutes Verhältnis zu ihren deutschen Mitstudenten, sei es durch den Besuch der Vorlesung, Praktika oder auch Vereinsveranstaltungen.
Ausgezeichnet waren hingegen die Beziehungen zu den Professoren. Bei 1000 Studenten war das Verhältnis Professor < -> Student sowieso persönlicher. Zum andern waren da die 50 Luxemburger keine Exoten und fielen mehr auf. Viele hatten gute Geschäftsbeziehungen zu luxemburgischen Hütten, so Prof. Hubert Hoff (Maschinenbau) Rektor von 1928-1930. Zu erwähnen sind auch die beiden Luxemburger Paul OBERHOFFER (Eisenhüttenkunde) und Eduard Houdremond, 8 sowie Walter Eilender, Oberhoffers Nachfolger, und Prof. Lipp (organ. Chemie).

Einige Hervorzuhebende

(( An dieser Stelle wurden einige herausragende Studenten kurz vorgestellt. Als Kriterium diente dabei weniger ihr beruflicher Erfolg im nachstudentischen Leben, sondern nur, ob sie als Studenten (vermutlich) den befragten Zeitzeugen bzw. in der Literatur besonders auffielen.))
Aachener Tisch

  • Robert MARX alias Kid war ganz aktiv im Verein und nahm seine Rolle sehr ernst. Er starb wie Jean VEYDER alias Tex unerwartet, vor Abschluß des Studiums. 9
  • Emily JUNCK (1919-1925) ist die erste Luxemburgerin die in Aachen einen Abschluß schafft. Chemie. Sie war aber nicht im AVL, der blieb bis in die 50er eine reine Männersache.
  • Franz COLAS alias Fritz, der Präsisdent von 1927war der Casanova des AVL.
  • Joseph DUPONT alias Jhiss, Raoul PFEIFFER alias Rull und Nicolas LANGERS alias Tini hatten folgende Gemeinsamkeiten:
    • Studierten Elektrotechnik,
    • ihre Väter waren bereits gestorben,
    • sie bildeten eine Wohngemeinschaft (Deliusstrasse 5),
    • waren der harte Kern des AVL und
    • …..Langzeitstudenten.
  • Jhiss (1922-1938) hält bis auf den heutigen Tag den Semesterrekord (33 Semester). Damals wurde der Studentenausweis auf Lebzeiten ausgestellt, jedes Semester war ein Stempel nachzutragen. Jhiss’Ausweis mußte sogar auf der Rückseite gestempelt werden. Er wurde Lehrer an der Berufsschule in Luxemburg (heute LTC) später deren Direktor. Der Beweis daß eine lange Studienzeit einer Karriere nicht immer im Weg stehen muß.
  • Rull (1920-1935) stand Jhiss nicht viel nach (30). Sein Bruder Marcel PFEIFFER hatte mit ihm dasselbe Studium begonnen, aber schon 1927 abgeschlossen.Fotographie eines Tisches mit den Biernamen des AVL um 1930
  • Tini (1921-1928) war auf dem besten Wege mit seinen Freunden gleichzuziehen. Allerdings starb sein Bruder, der das Lokal der A.S. “la Jeunesse d’Esch” in der Audin-Straße (an der Grenze), betrieben hatte. Tini, selbst Spieler bei der Jeunesse, mußte das Lokal übernehmen.
  • Jean REUTER (1928-1931)war Sohn des ehemaligen Staatsministers Emile Reuter . Dieser konnte aber schon bald beruhigt feststellen daß der Junge das Sündenbabel Aachen verließ und ins puritanische (und luxemburgerfreie!) Hannover wechselte, wo er 1936 abschloß. Er wurde Hüttenwerksdirektor in Brasilien.
  • Jean MOIA al. Zill (1928-1934) war der Sohn eines erfolgreichen Bauunternehmers aus Esch. Er sollte diesen Betrieb später übernehmen, ebenso erfolgreich weiterführen und ein großer Förderer des AVL werden. Er starb 1977 bei einem tragischen Autounfall. Er war nun als Student bereits wohl betucht und wahrscheinlich der erste AVLer der ein Auto in Aachen hatte. Er ist der einzige Ausländer (Italiener) der nachweislich Präsident des AVL war. Er war als Student bereits verheiratet und Vater.

Der Anfang vom Ende

Seit 1925 war die Zahl der “Lëtzeburger” rückläufig. Aber erst mit dem New Yorker Börsenkrach 1929, und der darauf einsetzenden Weltwirtschaftskrise, begann auch für den AVL die schlimme Zeit. Nicht nur waren weniger Eltern in der Lage, ihren Kindern ein Studium zu zahlen, was die Zahl der Anfänger senkte und die der Abbrecher anhob, nun waren auch Akademiker von Massenarbeitslosigkeit betroffen. Junge Ingenieure bekamen keineswegs nach abgeschlossenem Studium eine feste Anstellung. Im günstigsten Fall wurden sie “auf Vorbehalt, jederzeit kündbar” eingestellt, das nannte man Volontariat.
Dies wirkte sich verheerend auf die Moral aus! Die Luxemburger spalteten sich in zwei Gruppen: 10

  1. Jene die sich jetzt ausschließlich auf das Studieren beschränkten und an keiner Geselligkeit mehr teilnahmen.
  2. Die Resignierten, jetzt nur noch auf Zerstreuung aus, um ihren Frust zu vergessen.

Nur wenige blieben bei einer ausgeglichenen Haltung. Alles in allem hatte der Verein große Schwierigkeiten Leute zur Übernahme von Chargen zu bewegen, so daß die Hauptchargen, Präsidium und Fuchsmajor mehrere Jahre von den selben eingenommen werden mußten. Jean MOIA und Joseph DUPONT . 1932 wurde zum letzten Mal ein Jubiläumsstiftungsfest (35.) mit viel Pomp und unter Teilnahme vieler Alter Herren (AHAH) und sogar Prof. Hoffs gefeiert!

  1. Harro Mies Seite 83 []
  2. Hochschularchiv (HSA) Akte 10175 (Studentenverzeichnis 1920 []
  3. A.V. steht hier für AkademikerVerein, den Vorläufer der ALUC, nicht zu verwechseln mit dem AVL, Akademischer Verein d’Letzeburger Aachen []
  4. Wie stark die Differenzen waren illustriert folgende Szene. Da wurde ein St. aus dem AV ausgeschlossen weil er sich nicht für den Besuch des ASSOSS Bals entschuldigen wollte! []
  5. Katholische Deutsche Studentenverbindung (KDStV) im CV ab 1898 in Aachen-Lousberg. []
  6. Es wurde gar eine Strophe des Liedes “Alte Burschenherrlichkeit” abgeändert, so dass es nun hieß: “Seht die da vom LAVENSTEIN nicht wankten und nicht wischen …” []
  7. Almanak Academische Vereeniging Hollandia” 1960, Seite 60. Original einsehbar im Stadtarchiv (StA) Aachen []
  8. Houdremonds Haltung im Krieg war weniger vorbildlich, er stellte seine wirtschaftlich/wissenschaftlichen Ambitionen über die politische Einsicht. 1943 wird er Aufsichtsratsmitglied bei Krupp, es unterstanden ihm also auch Lux. Zwangsarbeiter. 1945 wurde er für fünf Jahre interniert. []
  9. Die Medizin hatte die Seuchen in Europa noch nicht ganz im Griff. Es gab das geflügelte Wort: “Mourrir en âge du Christ” []
  10. André Grosbusch: Seiten 98-101 []

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