Wurde die Amicale schon 1895 gegründet?

Wir wissen durch Prof. Max Eckert (1920) dass der Akademsiche Verein d’Letzeburger (AVL) im Oktober 1897 gegründet wurde, weshalb wir in drei Jahren unser 125 jähriges Bestehen feiern können. Wann unsere Amicale des anciens étudiants d’Aix-la-Chapelle gegründet wurde ist hingegen unbekannt, wohl wissen wir aber, bereits die ältesten bekannten Statuten des AVL die uns überkommen sind, einen “Alte Herren-Verband” erwähnen, schlechthin der Vorläufer der Amicale, für den übrigens auch schon vor dem Krieg die Bezeichnung “amicale…” geläufig war:

§16.

Die Alten Herren bilden unter sich den A.H.A.H. Verband, dessen Zweck es ist, nach Kräften das Gedeihen des Vereins als solchen zu förden, sowie den sämtlichen Mitgliedern, sowohl während der Studienzeit als auch im späteren Leben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Es scheint also so zu sein, dass der Verband bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift der Statuten bestand. Nun deutet ein Dokument, was wir auf dem Portal a-z.lu unter Luxemburgensia gefunden haben, an, dass es den Alte Herren Verband vielleicht schon gab, bevor der Studentenverein gegründet wurde. Die Obermoselzeitung veröffentlichte am 30. August 1895 einen Artikel unter der Rubrik “Chronik aus der Hauptstadt”, der wenige Tage später im „Das Luxemburger Land in Wort und Bild“ am 1 September 1895 auf Seite 5 mit nur leichten Abweichungen ebenfalls erschien. Nachstehend die Fassung des “Land”, weil ich auf diese als erste gestossen bin:

M Polytechniker-Verbindung. Die ehemaligen Schüler der polytechnischen Schule zu Aachen, deren Heimat das Großherzogtum Luxemburg ist, haben beschlossen:

  1. sich jedes Jahr zu Luxemburg am Samstag vor der Kirmes zu einem Bankette zu vereinigen;
  2. sich gelegentlich des ersten, am Samstag, den 31. August. 8 Uhr Abends abzuhaltenden Bankette zu einer freien Verbindung zusammenzuthun, welche sich dadurch von allen sonstigen Verbindungen unterscheidet, daß sie keinerlei Statuten hat, daß deren Mitglieder keinerlei Kotisationen zahlen und denselben überhaupt keinerlei Verbindlichkeiten usw. auferlegt werden.

Die Mitglieder kommen jedes Jahr an dem festgesetzten Tage zusammen, um sich wieder zu sehen, sich kennen zu lernen und eventuell sich gegenseitig zu unterstützen und einander voranzuhelfen. Jedes Jahr wird ein anderer Präsident gewählt;
derselbe hat ein Buch anzulegen, in welches die Wohnungsadressen der Mitglieder und die vorkommenden Besetzungen eingetragen werden; er hat außerdem das Bankett des folgenden Jahres zu organisiren und zu präsidiren; alle Kosten bezüglich dieser Anordnung, sowie diejenigen der mit den Mitgliedern zu führenden Korrespondenz sind zu seinen Lasten.
Präsident für dieses Jahr ist Hr. Theodor Bourggraff, Ingenieur zu Luxemburg.

Da erkennen wir uns doch wieder! Unser jährlicher Höhepunkt die Agape, damals noch Bankett genannt, der Widerwille sich einschränken zu lassen und eine regelrechte Abneigung gegen Statuten und die sich daraus ergebenden Diskussionen, dafür eine Hinwendung zum gesellschaftlichen zwanglosen Treffen, das alles ist 1895 schon angelegt. Nur die Vorstellung, dass der Präsident alles alleine bezahlen soll, warum er auch jedes Jahr zu wechseln hat, mutet uns fremd an. Die Regelung kann auch nicht lange Bestand gehabt haben, denn bereits 1914 begegnet uns als Vorsitzender der Amicale Dr. Jean Weiwers, der diese Funktion bis zu seinem Tode 1929 beibehalten wird.
Der genannte Theodor Bourggraff, wird zwei Jahre später der erste Sekretär des 1897 neugegründeten Ingenieur- und Industriellenvereins (ALII), dem Vorläufer des heutigen Vereins da Vinci. Leider finden wir keine weiteren Spuren des “Polytechnikervereins”. Das könnte damit zusammenhängen, dass Bourggraff, dessen Name gelegentlich auch Burggraff geschrieben wird, schon wenige Jahre später gestorben ist: Am 23. Februar 1905 lesen wir auf Seite 3 im Luxemburger Wort:

Lokal-Neuigkeiten.
— Sterbefall. — Wie wir erfahren, ist Hr. Ingenieur Th. Bourggraff infolge einer Operation in der Klinik zu Straßburg im Alter von 53 Jahren gestorben. Die Leiche wird heute nach der Stadt gebracht und morgen Freitag, um 4 Uhr auf dem Liebfrauenkirchhof begraben werden.

Wie viel Anklang Bourggraffs Verein fand, und ob er wirklich die Keimzelle von AVL und Amicale ist, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden. Der Artikel nennt ausser Bourggraff auch keine weiteren Mitglieder, sondern gibt an, wer nach deren (vermutlich:Bourggraffs) Erkenntnis alles in Aachen studiert hatte, oder gerade studiert. Es sind viele bekannte Namen darunter: Emil Metz und Emil Mayrisch, Constant De Muyser, sowie Camille Cito und Sosthène Weis, damals noch Studenten. Der besseren Lesbarkeit wegen, geben wir die Namen als numerierte Liste. 63 Personen, darunter 14 Studenten. Leider niemanden, den wir zwei Jahre später noch in Aachen antreffen, und der Gründungsmitglied des AVL gewesen sein könnte.

. Wir sind in der Lage, nachstehend die Liste der ehemaligen Eleven des Aachener Polytechnikums, welche luxemburgischer Nationalität sind, mitzuteilen. Es find die HH.

  1. P. Biwer, Baukondukteur zu Luxemburg;
  2. Th. Bourggraff, Luxemburg;
  3. Cohen, Direktor der Schiefergruben zu Perle;
  4. P. Chomé, Ingenieur der Gesellschaft Solvet zu Couillet in Belgien;
  5. Cito, Student zu Petingen;
  6. Theodor de la Fontaine, Ingenieur zu Luxemburg;
  7. H. de la Fontaine, Rentner zu Luxemburg;
  8. Constant De Muyser, Ingenieur der Prinzheinrichgesellschaft zu Petingen;
  9. Duchscher Sohn, zu Wecker;
  10. Donckel, Doktor der Wissenschaften aus Mertert, Ingenieur zu Rostock;
  11. Mathias Donckel aus Mertert, Ingenieur zu Trier;
  12. Karl Eydt, Mühlenbesitzer und Industrieler zu Luxemburg;
  13. Mathias Ennen aus Frisingen, Kommunalbaumeister zu Forbach;
  14. Etienne aus Esch an der Alzette, Chemiker zu Düdelingen;
  15. Jules Fischer, Ingenieur und Deputirter zu Luxemburg;
  16. Joseph Fischer aus Cessingen, Betriebsdirektor bei Metz und Cie. zu Esch an der Alzette;
  17. Fritz Fischer, Sohn des Herrn Ingenieurs Constant Fischer aus Luxemburg, Fabrikationschef zu Deutsch-Oth;
  18. Funck, Student zu Luxemburg-Grund;
  19. Godchaux, Betriebsdirektor der Zinkfabriken zu St. Amand-lez-Valenciennes in Frankreich;
  20. Godchaux Sohn, Ingenieur zu Schleifmühl;
  21. Jak. Henrion aus Luxemburg, Fabrikationschef zu Villerupt;
  22. Fr. Hanff, Sohn des Herrn Friedensrichters zu Esch an der Alzette, Fabrikationschef zu Dieuze in Lothringen;
  23. Emil Hirtz ans Heinerscheid Direktor der Hochöfen Coquerill zu Seraing bei Lüttich;
  24. Hemmer, Student zu Esch an der Alzette;
  25. Fr. Kintzele, Oberingenieur und Betriebsdirektor der Stahlwerke zu Rothe Erde bei Aachen;
  26. Klein, aus Siebenbrunnen. Ingenieur bei Boch zu Mettlach;
  27. Albert Knaff, Ingenieur zu Hörde (Deutschland);
  28. Knepper, Bezirksarchitekt zu Diekirch;
  29. Eugen Lang, Bezirksingenieur zu Diekirch;
  30. Lose, Fabrikationschef zu Steinfort;
  31. Ernest Loser
  32. und Alphons Loser, Studenten zu Wiltz;
  33. Emil Mouris, Architekt zu Verviers;
  34. Pierre Mouris, Civilingenieur zu Luxemburg;
  35. Manternach, Baucondukteur zu Luxemburg;
  36. Emil Mayrisch, Fabrikationschef zu Düdelingen;
  37. Emil Metz. Fabrikationschef zu Oberhausen a. Rhein;
  38. Edmond Müller, Sohn des verst. Staatsprokurators, Ingenieur, zu Ponkers bei New-York
  39. Edm. Müller, Sohn des Hrn. Müller-Tesch zu Esch a. d. Alzette, Student;
  40. Anton Pescatore
  41. und Theodor Pescatore, Ingenieure zu Manchester in England, wo sie die Tudor’schen Patente vertreiben;
  42. Paul Pescatore, Student zu Bofferdingen;
  43. Rothermel, Chemiker zu Deutsch-Oth;
  44. Ruppert aus Stadtgrund, Ingenieur und Betriebsdirektor zu Han-Zang in China;
  45. Camill Reuter, Ingenieur zu Differdingen;
  46. Jean Reuter, Ingenieur zu Burbach;
  47. Ries, Baukondukteur zu Redingen;
  48. Raters, Student zu Useldingen;
  49. Prosper Sivering, Baukondukteur zu Luxemburg;
  50. R. Stümper, Direktor der Schiefergruben zu Asselborn;
  51. Sontag, Ingenieur bei Boch zu La Louviere in Belgien;
  52. Camill Siegen aus Luxemburg Chemiker zu Villerupt;
  53. Servais aus Schimpach, Ingenieur zu Dortmund;
  54. ferner die Studenten Sachs aus Pfaffenthal,
  55. Streitz aus Biwisch;
  56. Spedener aus Wiltz und
  57. Spoo aus Esch an der Alz.;
  58. Traus, Architekt zu Luxemburg;
  59. Thiry, Ingenieur zu Brebach (Deutschland);
  60. Eugen Thiry, Sohn des Hrn. Industriellen Adolf Thiry aus Esch an der Alzette, zu Villerupt;
  61. endlich die Studenten Weiß aus Mertzig,
  62. Charles Wolff aus Luxemburg
  63. und Witry aus Mersch.

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