Rull de Waak

Der AVL in den letzten 25 Jahren

Die 70er Jahre

AVL und RWTH hatten sich bisher im Gleichtakt entwickelt. Nun gab es eine Entkopplung, sichtbar an den Zahlen: Hatte die RWTH 1970 noch nicht mal 13.000 Immatrikulierte, so wuchs diese Zahl bis 1979 monoton auf etwa 25.000. Der AVL hingegen hatte sein Maximum 1969 mit 143 Mitgliedern erreicht, in der Versammlung vom 13.5.1975 gibt der Sekretär die Zahl der Mitglieder mit 102 an. Die Mitgliederliste von 1980 weist noch gerade mal 34 Personen aus!
Wie kam es dazu? Die RWTH kannte in jener Periode den Beginn einer starken Diversifizierung. Neue Fakultäten wurden eingerichtet:

  • 1965 Philosophie,
  • 1966 Medizin,
  • 1980 Pädagogik, die vorher als eigenständige Hochschule existiert hatte.
  • 1960 war schon die Elektrotechnik aus der Fakultät für Maschinenwesen und Elektrotechnik ausgegliedert worden.

Zudem wurden neue, zeitgemäße Studiengänge angeboten etwa:

  • 1967 Psychologie;
  • 1972 Informatik;
  • 1980 Betriebswirtschaftslehre.

Auch wurden die bestehenden Fakultäten ausgebaut. Erweitert wurden zwangsläufig auch die Infrastruktur. Das Studentenwerk baute 1965 die vier 17- bzw. 19- stöckigen Wohntürme in der Rütscherstraße, welche rund 1200 Studenten Unterkunft boten.

Während die RWTH sich diesen 10 Jahren zur größten Hochschule der Republik ausbaute, erlebte der AVL zunächst eine Nachblüte der 60er Jahre anschließend einen klassischen Niedergang der in einer tiefen schwerwiegenden Krise 78-80 gipfelte. Dieser Niedergang war nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ: An der schon erwähnten Versammlung 1975 nahmen gerade mal 21 Mitglieder teil; Befassen sich die “Motion de blâme” des Jahres 1970 noch größtenteils mit sachlicher Kritik, so lautet eine typische “Motion” des Jahres 1976 folgendermaßen:” pour le (fonction, nom) pour manques de discipline et retard non motivé ainsi que pour physionomie blessante et pour être un agriculteur.”

Die 70er brachten tiefgreifende Veränderungen des Vereinslebens, welche nicht zuletzt von folgenden Umständen orchestriert, wenn nicht sogar ausgelöst wurden:

  1. Die Folgen der 68er Revolution.
  2. Das Ende der Periode, welche die Franzosen “les trentes glorieuses” nennen, d.h. der Erdölschock 1974 und die erste ernsthafte Wirtschaftskrise seit Ende des Krieges
  3. Die zunehmende Motorisierung.

Wie wir sehen werden kann diese Entwicklung keineswegs nur negativ beurteilt werden, lassen wir uns da durch das Wort “Niedergang” nicht beirren. Betrachten wir diese Umstände doch mal im Einzelnen:

Die Veränderungen durch die 68er Revolution

So wenig die Luxemburger aus Aachen an dieser auch beteiligt waren, die Folgen bekamen sie dennoch zu spüren.

Hier ist in erster Linie die Abschaffung der Studiengebühren durch das Land Nordrhein-Westfalen zum WS 1970 zu nennen. Damit war im wesentlichen eine der Hauptforderungen der Studenten erfüllt, die unter dem Stichwort “Demokratisierung des Studiums”, also den freien Hochschulzugang ohne materielle Sachzwänge auch für Kinder aus niederen Schichten, seit 1950 auch im Programm der UNEL war.
Diese UNEL, die in dem vorangegangenen Jahrzehnt den AVL soviel beschäftigte, hatte 1969 auf ihrem Weihnachtskongreß beschlossen künftig nur noch “progressive Politik” zu betreiben, also je nach Lesart eine Machtübernahme durch die Linke. Nur kann man in einem Verein ohne Zwangsmitgliedschaft nicht so leicht “die Macht übernehmen”! Rechte wie die ALUC kündigten die Mitarbeit auf und verließen die UNEL. Im Verein der Liberalen und Linken ASSOSS gab es ebenfalls eine Machtübernahme . Alle Vorstandsstellen wurden von Marxisten und Trotzkisten aus Paris besetzt, die unter dem Eindruck der erlebten Ausschreitungen in der französischen Hauptstadt und dem Sturz De Gaulles in der Vorstellung lebten, die von Karl Marx vorausgesagte Weltrevolution stünde kurz bevor, weshalb sie kaum noch Gedanken auf die spezifisch studentischen Probleme verschwendeten, würden die doch bald durch die neue Gesellschaft sowieso gelöst. Gemäßigte Linke wurden rausgedrängt und engagierten sich nun in der UNEL; die ASSOSS verschwand ganz von der Bildfläche und existiert heute samt ihres beträchtlichen Vermögens nur noch auf dem Papier. Das bedeutete daß die UNEL nun keineswegs mehr die ganze Studentenschaft repräsentierte sondern nur noch die Linke, also in etwa die Linie der alten ASSOSS vertrat.

Auch in Aachen gab es 1970 eine Kontroverse die mit dem Rücktritt des Delegationsführers Tite Reuter endete. Hier ging es darum daß die UNEL festlegen wollte welcher Verein wieviel staatliche Unterstützung erhalten sollte. Der AVL beschwerte sich beim Ministerium und rechnete vor daß der AVL für 143 Mitglieder zu sorgen hätte, von denen aber nur 83 der UNEL angehörten. D.h. man sah die Gefahr daß das Ansinnen auch als Mittel der politischen Maßregelung von mißliebigen Vereinen mißbraucht werden könnte. Der AVL stellte 1971 noch eine Delegation zusammen und setzte am 2.5.72 eine Arbeitsgruppe zur Wiederaufnahme der Beziehungen ein. Ohne Erfolg. Die UNEL spielte künftig nur noch auf sportlichem Gebiet eine Rolle (Tournoi de l’UNEL, später Tournoi de Noël)

In Aachen verzichtet der AVL auf die Nutzung des AvH. In der Folge von 1968 wurde die Studentenschaft polarisiert, AStA-wahlen waren nun Listenwahlen. Im AvH tummelten sich inzwischen 25 verschiedene Ausländervereine die alle ihre Rechte beanspruchten und nicht nur nationale Vereine wie: der “Verein indischer Studenten” oder der “Norwegische Akademische Verein”, sondern auch offensichtlich rein politische Zusammenschlüsse wie die “Union für Wissenschaft und Fortschritt”, der “Afro-asiatisch-lateinamerikanischer Studentenbund” oder auch die “Internationale Muslim Studenten Union” (IMSU) unter ihrem Vorsitzendem dem illusteren M.S. Tabatabai, Schwager von Ahmed Chomeini und später stellvertretender Ministerpräsident des Iran. Aber auch die nationalen Vereine wurden zumeist von Studenten dominiert die in ihrem eigenem Land der (linken) Opposition zuzurechnen waren und nicht selten verfolgt wurden. Ab diesem Zeitpunkt des Verzichts wurden die Mitteilungen nicht mehr auf der Vervielfältigungsmaschine des AvH gedruckt sondern eine neuartige Erfindung kam zum Einsatz: Die Photokopie.

Eine sehr begrüßenswerte Folge der gesellschaftlichen Umwälzungen war, daß mit Koedukation und Abschaffung der Studiengebühren die psychologische und die materielle Hemmschwelle welche die Frauen bisher von der Aufnahme eines Studiums abhielt, stark gesenkt wurde. 1970 kamen die ersten Luxemburgerinnen nach Aachen und der AVL erhielt seine ersten weiblichen Mitglieder1 . Daß sie auch zahlenmäßig einen wesentlichen Teil des Vereines ausmachen, dazu kam es nie. Im Gegensatz zu dem was man damals gerne glaubte, lag den meisten Frauen gar nicht soviel daran in die Männerdomäne Ingenieurberuf einzudringen und für die von ihnen bevorzugten Fächern regelte die Zentrale Vergabestelle für Studien (ZVS) die Zulassung, oder der Ruf den dieses Fach in Aachen genoß war nicht besonders. Die Gründe warum Frauen nach Aachen kommen oder der Kaiserstadt fernblieben sind nicht so ohne weiteres eindeutig ersichtlich. Sie differieren (auch heute noch) stark von den Beweggründen der Männer. Es gibt Beispiele daß Frauen nach Aachen kamen weil ihr Freund und späterer Gatte 2 hier studierte.

Ganz sicher keine Ermutigung für Luxemburgerinnen in Aachen zu studieren, war die Ermordung von Paulette Useldinger durch ihren lateinamerikanischen Freund im Jahre 1978. Kurz vor Abschluß ihres Architekturstudiums, hatte Paulette ihm den Laufpaß gegeben und den vier Jahre jüngeren Studienabbrecher vor die Tür gesetzt. Er hatte sie mit mehreren Messerstichen abgeschlachtet und noch drei Tage bei der Leiche verbracht, bevor er sich der Polizei stellte.

1974 wird auch die erste Frau in den Vorstand gewählt: Mariette May ist für ein paar wenige Monate Sekretär des AVL, dann tritt sie zurück. (Genau wie ihr Nachfolger Walter Kuborn, der es mit dieser Mannschaft auch nur zwei Sitzungen aushält)

Wenn die “Revolution” in Deutschland etwas erreicht hat, dann die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte, sprich der Nazizeit. Diese gesellschaftliche Leistung klärte endlich auch das Verhältnis der Luxemburger zu den Deutschen das sich nun vollständig normalisierte. Dank eines Vertrages der Luxemburgischen Regierung mit dem Studentenwerk der jedes Jahr 20 Zimmer für Neueinschreiber sichert, wohnten viele Luxemburger in den Türmen ( bald schon sollten es mehr als zwei Drittel sein) Sie integrierten sich in der großen Familie der Studentenschaft in einer zuvor nie gekannten Weise. Viele sicherten sich den Getränkedienst ihrer Etage, Wenige waren auch bereit Etagensprecher zu werden. Gut für uns war auch daß Luxemburger nun Exoten waren und deutsche Studenten haben eine offenkundige Vorliebe für Exoten, Ausländerfeindlichkeit war kein Thema. Besondere Pluspunkte konnten die Luxemburger Turmbewohner dadurch gewinnen daß sie sich am Mietstreik 1974 beteiligten. Überhaupt hatte diese Aktion die Solidarität unter den verschiedenen Studenten sehr gefördert.

Der AVL nahm nun auch wieder Deutsche (die nicht Luxemburgisch konnten) als Mitglieder auf. Und wenn am 10.11.1970 im “Schäißbuch” steht :“E ganzen Waggon Preisen fir en Daaler” (was auch am Marktplatz gesungen wurde) oder “Adolf komm bald wieder” (auch ein Song) so ist dies keineswegs mehr Deutschenhaß, sondern reine Folklore!

Die Wirtschaftskrise

Nach dem sog. Yom-Kippur-Krieg 1973, setzten die arabischen Staaten in der Organisation erdölfördernder Länder (OPEC) eine drastische Erhöhung des Rohölpreises durch. Alles teuerer und vor allem die energieintensive Stahlindustrie geriet unter massiven Druck. Europa lernte die Massenarbeitslosigkeit wieder kennen.

Für Luxemburg war dies eine Katastrophe. Zuvor war es so daß “Ingenieur werden” und “in Aachen studieren und bei der ARBED eingestellt werden” fast dasselbe war. Man sollte annehmen daß jetzt die Aussicht nach abgeschlossenem Studium arbeitslos zu sein niemanden mehr reizte Ingenieur zu werden. Doch die Zahlen des Unterrichtsministeriums zeigen zwar eine Stagnation, keineswegs aber einen Rückgang. Ausnahme ist vermutlich aber die Hüttenkunde und hier war der AVL wie kein anderer Luxemburger Studentenverein betroffen denn:

  • Gerade aus Aachen kamen die Hüttenkundler und dieser Fachrichtung räumten die Studenten gar keine Zukunft mehr ein. Fast sieht es so aus als kämen die Studenten nur noch auf eine der beiden folgenden Arten zu diesem Studium: Familientradition und Innere Rekrutierung an der RWTH.
  • Den Schwund der Hüttenkunde konnte der AVL nicht, wie die RWTH, durch Zuzug von Medizinern oder Geisteswissenschaftlern ausgleichen. Hierfür hatten längst andere Universitäten sich in Luxemburg einen Namen gemacht. Andererseits teilte die ZVS, etwa bei der Informatik Aachen prinzipiell keine Luxemburger zu. (Erst 1994 treffen die ersten in Aachen ein!) als erster Mathematiker tritt 1979 Jean-Paul Schintgen in Aachen an.

Die Motorisierung

Sie hat vielleicht den größten Anteil am Umbau des AVL denn sie brachte eine völlig neue Mentalität mit sich: Die Mobilität des Studenten ermöglichte es ihm einfacher Kontakt zu seiner Heimat und seinem alten Freundeskreis zu halten. Oder Ausflüge zu anderen Universitätsstädten zu starten, was zwangsläufig die Beziehungen zu anderen Luxemburger Studenten verbesserte. Gleichzeitig verringerte sie aber auch die “ouverture d ‘esprit” auf die der Luxemburger so stolz ist.

Einige ganz wenige verfügten bereits Mitte der 50er über ein Auto. Ende der 60er kam ein Großteil bereits mit dem Auto nach Aachen. In einem Informationsblatt für Abiturienten von 1975 wird erklärt: “Nicht motorisierte Studenten finden unter den über hundert Luxemburgern in Aachen immer jemanden, der sie für DM 5,– bis DM 7,– mit nach Hause nimmt. Die Zugverbindung ist nicht zu empfehlen!”

Wie schnell stieg nun die Zahl der Autos? Anfang und Mitte der 70er waren fast alle Autos immer voll besetzt. Die Frage ob ein Student nach Hause kommt war stets ein Vabanquespiel, er verbrachte im Schnitt drei oder vier Wochenenden in Aachen bevor er eine Mitfahrgelegenheit fand. Zwar konnte er schlechter feste Zusagen für Aktivitäten zu Hause machen, war aber auch in seiner Entscheidung freier. Auch fand in jener Zeit noch ein studentisches Leben am Wochenende statt, es lockten ja noch die Nachbarstädte Lüttich, Köln und Maastricht.

Ende der 80er hatte dann fast jeder zweite ein Auto. Man fuhr durschnittlich alle zwei Wochen nach Hause. Es entstand das Klischee des typischen Luxemburgers:

Er heißt Claude, studiert Maschinenbau oder Elektrotechnik und fährt jedes Wochenende nach Hause um seine dortige Freundin nageln zu können. Hier in Aachen weiß er nichts mit seiner Freizeit anzufangen, außer seine Mitbewohner aus den unerfindlichsten Gründen mit Spontanfeten i.a. Sauforgien zu nerven..” 3

Es bestand schon seit etwa 1960 die Tradition, wenn der Fahrer alle seine Mitfahrer eingeladen hatte, auf halbem Wege auf der Wemperhardt, noch schnell einen Kleinen zu heben etwa im “Café Albert” später “beim Jenny” und seit ca 1978 bei “Koeppe Jhemp” auf Hoscheid-Dickt. Übertreibungen stellten sich eigentlich sofort ein: Eine Fahrt von Wiltz nach Aachen im Jahr 1968 dauerte ganze vier Tage; aus diesem Jahr ist auch ein Führerscheinentzug wegen Alkohol am Steuer bekannt.

Um Anfahrt und Exkursionen besser organisieren zu können beantragt Gust Nero bereits 1967 Anfertigung und Verteilen einer Autobesitzerliste; dies wird aber abgelehnt. Und das Projekt bleibt bis 1990 unverwirklicht!

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant auf ein anderes Phänomen hinzuweisen, das ähnliche Veränderungen aufwirft wie die Motorisierung: die Informationstechnologie. Eine Liste von 1975 verzeichnete nur bei den Heimanschriften gelegentlich die Telefonnummer, bei den Aachener Anschriften nur dann wenn es sich um eine kollektive aus einem Wohnheim handelte. Erst 1989 wurde systematisch nach der Nummer gefragt. Auch der Telefonanschluß bestimmt das Verhalten des Studenten mit.Ein gewisser Stift hatte Ende der 60er noch die Angewohnheit, drei Stunden nach der Abfahrt den Eltern mitzuteilen, er sei gut angekommen, auch wenn er dann noch immer bei Jenny, in einer Kneipe in Eupen oder gar in seinem Heimatort Wiltz war. Heute gerät der Student schon mal in Erklärungsnotstand wenn die Eltern nach oder mitten in der schönsten Orgie anrufen.
Das Vereinsleben

Zunächst die Nachblüte der so energiereichen 60er. Alte Gewohnheiten verschwinden am Ende des Jahrzehnts: Das Picnic am 17. Juni, der Byzutage (ab 1977) und die jährliche Exkursion.

Neue kommen hinzu:

  • Nationalfeiertag im Ponttor. Vicepräsident (VP) Marcel Gallion hatte dieses 1972 erstmals organisiert und mit den ansprechenden Räumlichkeiten dem Vereinsleben wieder den feierlichen Höhepunkt gegeben der ihm seit Aufgabe des jährlichen Stiftungsfestes 1959 fehlte. Auszug aus der Einladung zum 29.6.1974:

    “Il y aura des allucations (faut bien), un magicien (!), les boissons habituelles, etc… Tes amies seront les bien venues..

    Quiz:

    1. We’schwe’er ass onsen Sekrétaire?
    2. We’n hât om Picnic an Box geschaß ?
    3. We’vill Fehler stinn an deser Invitation?”

    Betreiber und Anwohner des Ponttores mußten sich allerdings erst an die neuen Mieter gewöhnen. Gleich im ersten Jahr donnerte der Lastenaufzug der Madonna die Nase weg. Hatte diese seit Jahrhunderten in ihrer Nische über dem Tor alles Umheil von letzteren fernzuhalten versucht so mußte sie nun selbst durch ein Gitter geschützt werden. In den ersten Jahren verging fast kein Ponttor ohne daß zu später Stunde noch die Gäste mit den grünen Uniformen auf einen Sprung vorbei kamen.

  • Der “Tournoi de l’Ambassadeur” zwischen Brüssel, Lüttich und Aachen wurde 1970 erstmals in Brüssel ausgetragen.

Wie bereits gesagt nahm die Mitgliederzahl ständig ab. Der Verein versuchte gegenzusteuern, etwa mit dem Brief an Neue und Rebellen der anfing mit “lieber Kommilitone, durch Zufall haben wir erfahren daß Du in Aachen studierst..” oder durch Bekanntgabe der Diplome in der Presse.(LW und Tageblatt)

Um die Moral im “Comité” stand es nicht immer zum Besten. Versammlungen liefen immer nach folgendem Schema ab: Der Vorstand wird attackiert kritisiert und mit allmöglichen “Motions” genervt bis er sich bereit erklärt eine Runde zu schmeißen, was er aber wegen chronisch leerer Kassen nicht will. Vielleicht war die Atmosphäre durch die Diskussionsfreudigkeit der 68er angeheizt oder man verstand es als Folklore, jedenfalls kennt das Jahrzehnt (incl. 1980)

  • 8 Rücktritte und 2 Absetzungen von Vorstandsmitgliedern.
  • Ein Kassierer legte bis heute keinen Rechenschaftsbericht vor
  • Ein anderer setzt 50.000 Franken Vereinseigentum auf sein Privatkonto rückt es erst nach zwei Jahren raus, als seine Nachfolger es reklamieren.
  • 10 Jahre lang ist der Verein nicht in der Lage über das Konto bei der deutschen Bundespost zu verfügen weil am Ende niemand mehr wußte wer überhaupt zeichnungsberechtigt war! Einige Kassierer behalfen sich mit Urkundenfälschung!
  • Nach dem 4.7.1976 werden keine Sitzungsprotokolle mehr angefertigt, das “Schäißbuch” verzeichnet keine Einträge nach 1977!

Die große Krise

leitet sich am 7.11.1978 ein. Hier beginnt eine “Lotterie à tirage immédiat”, damit wird das Geld aufgebracht um am 30.3.1979 in Steinsel einen sehr erfolgreichen “Bal” mit dem bekannten Orchester The Challengers abzuhalten. Dadurch verfügt der Verein erstmals seit den 20er Jahren wieder über sehr viel Geld! Und um dieses, bzw. dessen Verwendung entbrennt schnell ein Riesenstreit. Da gibt es auf der einen Seite stehen die Leute die damit eine Reise nach Paris bezahlen wollen. Sie werfen ihren Gegnern vor das Geld nur versaufen zu wollen. An ihrer Spitze stehen Aloyse Paulus und Claude Urbé alias Intz. Auf der anderen Seite sind die Leute die das Geld erwirtschaftet haben und daraus eine Mitspracherecht über dessen Verwendungszweck ableiten. Sie werden angeführt von den Ex-Präsidenten Paul Belche und Jean Quintus alias Full. Paris setzt sich durch, die Kasse ist leer, die Atmosphäre vergiftet.

Es gibt Neuwahlen am 5. Februar 1980. Die Streitkultur bleibt dennoch. Durch den Streit können sich Neutrale Mitglieder nicht mehr mit dem Verein identifizieren. Der Vorstand wird permanent verdächtigt sich nur persönlich bereichern zu wollen. Als erster wirft schon am 24. September “à cause de surmenage” Präsident Claude Reisch das Handtuch. Zu Beginn des neuen Semesters folgen VP Roland Hanten und Intz. So kommt es zur Generalversammlung vom 18. November 1980 um die Sache zu klären. Dramatisch der Appell des Sekretärs Josef Scharll der den Verein nunmehr leiten muß: “De Komitee werd durfir surgen, dat de Verein net durch Bazillen zerstei’ert get.”

Es sollte noch einige Zeit dauern bis das wieder gerade gebogen werden konnte. 1982 hatte der Verein 53 Mitglieder, die ANEIL gibt für dieses Jahr allein 74 Aachener Ingenieurstudenten an!

Die 80er Jahre – Neuanfang und Boom

Der Streit war auch in gewisser Weise ein Generationskonflikt. Urbé, Paulus, Scharll, Hanten und die anderen gehören zu dem neuen Typus des Aachener Studenten, der nach dem Handwerkergesellenbrief die Hochschulreife über eine dreijährige Ausbildung am Institut Superieur de Technologie (IST) in Luxemburg erworben hat. Weil der Titel eines “Ingénieur Technicien” jedoch keinen Anspruch auf eine geregelte Beschäftigung oder festgelegte Bezahlung garantierte, in Zeiten wirtschaftlicher Krise oft nur das bezahlt wird was ein Geselle oder Abiturient auch bekommt, setzten viele ihr Studium in Aachen fort.

Es ist auf jeden Fall das persönliche Verdienst von Leuten wie Charles Bemtgen al. Bähmchen, Lucien Conrardy al. Ufo, Léon Hirtt al. Läo, Patrick Goffinet oder auch Pierrot Bis und Paul Schlesser al. Pooli daß der AVL in den nun folgenden Jahren die Talsohle durchschreitet und wieder für alle attraktiv wird. Ohne klassische Bildung ist alles Intellektuelle ihnen nicht nur fremd sondern sogar suspekt. Der AVL beschränkt, auch aus Geldnot, seine Aktivitäten auf das absolut Notwendige, viele seiner Gewohnheiten haben hier ihren Ursprung!:

  1. Die Zahl der kaum noch besuchten Generalversammlungen wird auf eine einzige im Jahr reduziert. Hier wird der Vorstand gewählt. Um die Leute dorthin zu locken wird mit großem Erfolg ein sehr einfacher aber effizienter Trick angewandt: Freibier.
  2. Hierbei kommt es ihnen sehr entgegen daß sie ohnehin ihre Buden in den Türmen meist nur verlassen um die studentisch geführten Kellerkneipen Intzekeller (später Knautschzone) Motorbar (MOB) oder Eimer zu besuchen. Hier hält man denn auch die Generalversammlung ab.
  3. Dennoch haben sie lange noch Schwierigkeiten Mitarbeiter für den Vorstand zu gewinnen. Leo Hirtt wird Kulturminister des Vereins weil er die Frage “Wer will noch in den Vorstand?” mit “Wer will jetzt noch ein Bier haben?” verwechselte.
  4. Neu ist auch das Wahlverfahren: wurden vorher die Chargen Präsident, Sekretär und Kassierer einzeln, direkt vom Wahlvolk bestimmt so legt dieses jetzt nur noch fest wer in den Vorstand kommt. Die Gewählten machen dann unter sich aus wer welchen Posten bekleiden soll.
  5. Das Picknick wird durch ein zünftiges Grillfest zum Ende der Vorlesungszeit im SS ersetzt. Allerdings dauert es bis 1991 bevor der erste Kassierer bereit ist das Eis zu bezahlen damit das Bier auch kalt getrunken werden kann!
  6. Zum Winter wird ein Glühweinabend organisiert.
  7. Weniger Geschick als ihre Vorgänger beweisen die Neuen allerdings beim Bal, den sie immer im Bierkeller von Diekirch abhalten. 1984 wird ein derartiges finanzielles Fiasko daß der Bal aufgegeben wird.

Beachtlich sind auch die “kulturellen” Leistungen der frühen 80er:

  • Es ist die Zeit wo die “Aktioun Lëtzebuergësch” ihre größten Erfolge erzielte, welche in der Anerkennung des Luxemburgischen als eigenständige Sprache durch die UNO im Jahre 1984 gipfelten. Auch der AVL verschloß sich diesem Trend nicht und wechselte bei seinen Rundschreiben an die Mitglieder (Courrier) und den Sitzungsprotokollen von Französisch auf Luxemburgisch.
  • Die Möglichkeiten der Photokopie werden nun voll genutzt und zur Auflockerung werden schon mal verfremdete Ausschnitte aus Comics eingefügt. Besonderes Geschick bewies hier Pierrot BIS . Köstlich sein “Tim und Struppi”- Verschnitt vom 2.11.1983 wo er ihnen folgende Worte in den Mund legte:Tim: “Freuen Sie sich! Es findet eine Luxemburger Versammlung in der MOB statt. Die Neuen sind auch dabei.”Kapitän Haddock: “Die Neuen? Wenn die Ärmsten wüßten was ihnen bevorsteht… Was habe ich armer Mann leiden müssen!”

    Tim: “Natürlich durch die schweren Klausuren”…

    Kapitän Haddock: “Nein Durst!”

  • Pierrot Bis unternimmt auch den Versuch eine Vereinszeitung herauszugeben. Doch es reicht nur für ein Titelblatt im Stil der Bildzeitung. Geldmangel und Pierrot’s Abwahl aus dem Vorstand 1985 verhindern den Durchbruch.
  • Die Tradition, die Schluckmeile vom Ponttor zum Hühnermarkt abzulaufen haben sie natürlich nicht eingeführt. Sie fanden aber den Namen dafür: “Rentnerweg”
  • Schlesser's Badge Paul SCHLESSER zeichnete 1982 den Badge des AVL, den biertrinkenden Löwen, der sich auf die Bücher stützt. Er ist zwar von jenem der Lütticher abgekupfert und man sieht förmlich, daß er letztlich nur eine Verlegenheitslösung ist: Der einzige gravierende Unterschied besteht darin daß die Bücher die Lütticher Marktsäule ersetzen! Aber es wurde ein Symbol für den AVL geschaffen, nachdem das Wappen aus der Verbindungszeit in Vergessenheit geraten war. Der Aufkleber ziert heute so manches Luxemburger Auto.
  • Badge der Lütticher Studenten Die Leute zeigten sich sogar traditionsbewußt, trotz der radikalen Neuerungen. Als der Botschafter 1984 darauf verzichtete die Aachener um ihre Mithilfe beim “Te Deum” zu bitten, entschlossen diese sich spontan künftig den Empfang mit patriotischen studentischen Volksliedern zu verschönern.

Ab 1984 kam dann der Boom, die Wirtschaft hatte sich erholt, die Luxemburger Industrie war umstrukturiert worden, die Zahl der Luxemburger in Aachen wuchs unaufhörlich. Das Vertrauen in den AVL war wieder hergestellt, dafür war Aachen in der Universität Kaiserslautern eine ernst zu nehmenden Konkurrenz erwachsen. Der Verein “Lëtzeburger Studenten zu Kaiserslautern” (LSK) betrieb eine Abiturientenwerbung welcher der AVL nichts gleichwertiges entgegen zu setzen hatte! Anfang der 90er war der LSK größer als der AVL!

  1. von der bekannten Ausnahme Alice van-Wersch abgesehen. []
  2. nicht in jedem Fall ist der Gatte auch mit dem Freund identisch! []
  3. O-Ton einer Deutschen, die von 1980-1985 in AC Biologie studiert hatte! []

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