MEYER, Aloyse (1883-1952)

Noch schlechter als mit der Geschichtsschreibung über Emile Mayrisch steht es mit jener über seinen Nachfolger Aloyse Meyer. Diesem kommt in der Geschichte des AVL aber doch eine grosse Bedeutung zu.

Nachstehender Text ist die Lebensbeschreibung von al. Meyer von Paul Weber, Direktor der Handelskammer im Jahre 1957.

Artikel aus der Revue 1957, über Al. Meyer.

P. Weber, Direktor der Handelskammer über Al. Meyer

Aloyse Meyer (1883-1952 )

Aloyse Meyer ist 1883 in Clerf geboren, wo der Vater eine der rund hundert Öslinger Gerbereien betrieb, die fast ein halbes Tausend Menschen beschäftigten, und für den Norden fast die gleiche Bedeutung besaßen wie die damals aufstrebenden Hochöfen für das Erzbecken.
Aber die Verdrängung der einheimischen Lohe durch, die modernen "amerikanischen" Schnellgerbereien bedrohte die Lebenswurzeln des Gewerbes. Die so um die Zukunft des Jungen besorgte Familie holte Rat bei einem alten Freunde, dem Deputierten J. P. Probst. Aufgrund der auffallenden mathematischen Begabung empfahl dieser das Ingenieurstudium. Aber da gab es Haken. Die Mittelschulen waren auf den künftigen Gerber, nicht auf den Akademiker ausgerichtet. Da überdies Aloyse, für die technische Hochschule nach zu jung war, nahm er kurzerhand die Papiere des älteren Bruders nach Aachen mit. Über das fehlende Abiturzeugnis vertröstete er die Universitätskanzlei von einer Mahnung zur andern. Nach den ersten Prüfungen jedoch. wo der Irreguläre weit hinauf schwang, verlief sich die Neugier des Sekretärs.

In Jahrgang wo Meyer mit vier andern Luxemburgern die Hochschule verließ, jammerten die Zeitungen, wohin das Land mit solcher Intellektuellenzüchtung wohl hinsteuere. Der 19jährige Träger der Karl Lueg-Medaille, wohl der höchsten .Auszeichnung der T.H. sprach kurzerhand beim Direktor der Düdelinger Hütte, Emile Mayrisch, vor. Der Empfang war kurz und sachlich. Der Kandidat wartete schon 1 viertel Stunde im Bahnhof auf den Rückfahrtszug, als ein Hüttenbote ihn dringlichst zurückbefahl. Mayrisch hatte geprüft und überlegt. die Eingabe und den Menschen gewogen. So wurde eine freundschaftliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit für das Leben gesichert.

Der junge Ingenieur erklomm in ungewohnter Eile alle Stufen der industriellen Hierarchie, Jahre vor dem reglementierten Alter. Die Komplimente zur Beförderung des 25jährigen zum Dienstchef, erhielten die Antwort: Et muss én sech jo eropschaffen. Bei der Gründung der Arbedgesellschaft (1911) wurde er Hüttendirektor in Düdelingen, acht fahre später Generaldirektor des in die Tiefe und in die Breite ausgewachsenen Großkonzerns. Nach Emile Mayrischs tragischem .Autounfall bei Châlons (1928) löste er denselben als Präsidenten des Internationalen Stahlkartells ab. Die Worte, die er seinem Freunde nachrief, "le meilleur homme du pays, et le meilleur Européen" durften auch für ihn selber gelten. Dabei zeichnete er sich in allen internationalen Gremien aus durch seinen untrüglichen Sinn für das Wesentliche, die Klarheit der Gedanken, das wundersame Gedächtnis. für Ziffern und Tatsachen. Nie entging ihm ein Detail, nie ließ er sich dadurch ableiten.

Nunmehr fiel ihm die schwere Aufgabe zu, das zweitgrößte Industrieunternehmen des Kontinents durch die längste Krise hindurch zu steuern, welche die
Welt je betroffen hatte. Von der Lösung und .Aufgabe hing Wohl und Wehe des kleinen Vaterlandes ab. Er erfüllte dieselbe .so, daß ein überindustrialisiertes, nur auf Ausfuhr angewiesenes Land, zehn böse Jahre ohne irgendwelche fühlbare Arbeitslosigkeit überstehen konnte.

Doch es war während der bösen Stunden des Krieges, daß der Mann auf dem exponiertesten Posten seinem Land die unschätzbarsten Dienste leistete. Da Luxemburgs Produktionsleistung auf der Hälfte unter den berechtigten Kriegserwartungen des 3. Reiches blieb, galt es mit allen Mitteln der schon fertig geplanten Massenverpflanzung von 16.000 Arbeitern nach dem Ruhrgebiet entgegenzuwirken. In diesem Bemühn wurde er von Röchling, dem Vorsitzer der Wirtschaftsgruppe "Eisen", offen der Sabotage bezichtigte. Im .9. .September 1944 wird Aloyse Meyer mit einem Sohne von der Gestapo verhaftet und als Geisel verschleppt. Die Befreiung durch die Amerikaner, am 1. April 1945, brachte die Heimkehr. Mit ihr die gigantische Aufbauarbeit, inmitten einer durch böse Unkenntnis der Wahrheit getrübten Nachkriegsatmosphäre. Er verschied nach langem, heroisch ertragenem Leiden am Vorabend des 70. Lebens-, des 50. Dienstjahres. Die Grabinschrift entspricht seiner kurz gedrungenen Art: Aloyse Meyer, Président de l’Arbed. Président de la Chambre de Commerce.

P.W.

Kommentar:

Zu Geschichte mit Urkundenfälschung.

Diese Geschichte mutet doch recht seltsam an, insbesondere weil sie von P.Weber, dem Direktor der Handelskammer 1957, immerhin ein Vertreter des Patronats, auf uns gekommen ist. Wir wolllen nicht annehmen, dass er sie leichtfertig oder boswillig wachruft, wo doch die "durch böse Unkenntnis der Wahrheit getrübten Nachkriegsatmosphäre" noch keineswegs ausgeklungen ist. Da sie mir seltsam vorkam, untersuchte ich, ob die Akten der RWTH sie belegen könnten und in der Tat:

Angaben des HS Archivs zu Aloyse Meyer.

Name, Vorname: Meyer, Aloyse

Jahr der Einschreibung: 1899

Diplomprüfung: 1903

Geboren am 29/10/1881

Geburtsort: Clervaux

Stand des Vaters/Erziehungsberechtigten: Gerbereibesitzer

Tatsächlich, das in Aachen hinterlegte Geburtsdatum weicht vom echten um zwei Jahre ab, aus einem 16-jährigen wird ein 18 jähriger. Dennoch, die Maskerade war 1899 noch gar nicht nötig, ein bestandenes Abitur noch gar nicht die Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums an der RWTH. Diese führte das "Maturitätsprinzip" erst 1902 ein Rull De Waak).

Die Frage bleibt, warum hatte Aloyse Meyer denn kein Abitur, bzw. warum konnte er dieses eine Jahr nicht abwarten? Hier steuert P.W. offensichtlich zur Legendenbildung bei, vermutlich dient die ganze Geschichte dazu, den Leser von der Übermenschlichkeit Aloyse Meyers zu überzeugen! Hierzu zählt auch das Herausstreichen seiner angeblichen Bescheidenheit ("er war ja nur ein einfacher Direktor")

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