Erinnert von Jean-Marie Strasser
könnte viele Anekdoten erzählen aus jener Zeit, einige davon sind originell, andere haarsträubend, weitere peinlich. Die folgende Geschichte fällt in die erste Kategorie und verdient es daher aufgeschrieben zu werden. Unter den AVL-Studenten gilt als der legendärste Streich jener aus dem Jahr 1952, bei dem Luxemburger Studenten den Reichsapfel von Karl dem Großen auf dem Karlsbrunnen auf dem Marktplatz entwendet hatten. Den Reichsapfel brachten sie wieder zurück an seine Stelle, jedoch nicht bevor sie diesen gründlich geputzt und poliert hatten. Danach glänzte das gute Stück in Karls Hand. Was die Studenten nicht bedacht hatten war, dass die Patina welche sie weggeputzt hatten kein simpler Schmutz war. Tatsächlich stellte dies eine nennenswerte Beschädigung der Statue dar. Seitdem ist der Reichsapfel fest mit der Karlsstatue verlötet.


Eine andere Karlsstatue, aus Holz, fand jährlich ihren Platz auf einer Verkaufsbude auf dem Aachener Weihnachtsmarkt. Gut 1,20 Meter groß und massiv. Eines nachts, nach einem längeren Kneipenaufenthalt, kam eine Gruppe Luxemburger Studenten an der Verkaufsbude vorbei und bewunderte die Holzstatue. Freilich war diese ihnen nicht erst an diesem Abend aufgefallen, da es sich um ein echtes Prachtstück handelte. Schnell meinte einer der Studenten, dass diese Statue eine formidable Trophäe abgeben und jedes WG-Zimmer verschönern würde. Bald darauf stellte der nächste fest, dass die Statue lediglich mit Flügelschrauben gesichert war. Schnell war der Plan gefasst, dass Karl die Studenten nach Hause begleiten sollte. Da gab es aber ein zusätzliches Problem. Auf dem Weihnachtsmarktgelände patrouillierte ein mehrköpfiges Sicherheitsteam. Dieses musste erst abgelenkt werden. Zwei Studenten der Gruppe machten sich deswegen auf zum Karlsbrunnen und kletterten auf diesen, nicht ohne eine gewisse Lautstärke zu verbreiten. Der Plan ging auf. Die gesamte Wach
nschaft versammelte sich beim Karlsbrunnen um die Störer ins Gebet zu nehmen. Da Karls Bude auf dem Katschhof stand, war die Luft nun rein. Die übrigen drei kletterten auf die Bude, lösten die Schrauben und hoben die Statue sanft herunter. Die Statue war sehr schwer, doch schafften es die drei im Sauseschritt Karl in die Wohnung eines der Studenten zu bringen. Dort trafen sich die fünf wieder und
freute sich ob der gelungenen Aktion.
Es wurde mit der Statue auf Fotos posiert. Alles war toll. Bis der (über)nächste Tag anbrach. Im Lokalteil der Aachener Nachrichten fand sich ein Bericht zu der Gegebenheit. Der Budenbesitzer, nachdem er Anzeige bei der Polizei erstattet hatte, berichtete über seinen Verdruss: Die Statue sei ein Einzelstück, der Erschaffer nicht mehr da. Unwiederbringlich! Die Polizei ihrerseits sinnierte über eine professionelle Bande mit Lieferwagen welcher aufgrund des hohen Gewichts der Statue nötig gewesen sein soll. Als die fünf Studenten den Artikel lasen, verwandelte sich der Stolz schnell in schlechtes Gewissen. Sofort war klar, Karl musste zurückgegeben werden. Aber wie? Bestimmt wurde das Sicherheitsteam auf dem Weihnachtsmarkt unterrichtet und verstärkt. Als
nachts den Weihnachtsmarkt ausspähte stelle
jedoch fest: Dem war nicht so! Deshalb beschlossen die fünf, dass die Aktion noch einmal durchgeführt werden sollte. Nur dass Karl dabei diesmal zurück auf den Weihnachtsmarkt kommen sollte. Und tatsächlich, die Aktion gelang. Karl stand wieder auf seinem angestammten Platz.
Tags darauf gab es wieder einen Bericht in den Aachener Nachrichten. Dieses Mal titelte die Zeitung: „Die Freude war groß, Karl ist wieder da!“ Damit war vor allem der Budenbesitzer gemeint. Diesem fiel ein Stein vom Herzen. Alle fragten sich, wo Karl während seiner Abwesenheit vom Weihnachtsmarkt war. Die Zeitung schrieb weiter „Karl war auf Reisen“. In seiner Krone befand sich ein Bündel Klarsichtfolien unter anderem mit einem Brief. Darin schrieb Karl, dass ihm langweilig wurde auf dem Dach der Bude, er wollte mal die Welt sehen. In den weiteren Folien fanden sich Fotos mit Karl vor bekannten Sehenswürdigkeiten wie Eifelturm, Freiheitsstatue, Taj Mahal… im Style des reisenden Gartenzwergs aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Ein weiteres Nachspiel hatte die Geschichte nicht. Vermutlich erkannte die Polizei, dass es sich um einen Studentenstreich gehandelt hatte und drückte, wie so oft, ein Auge zu. Die Karlsstatue auf der Verkaufsbude ist seitdem angekettet.
