Die Entwicklung der Zahlen der Luxemburger Studenten in Aachen bis 1939

von Daniel Erpelding

Der folgende Beitrag liefert die Zahlen zur Illustration des ersten Teils der Chronik, wobei wir ein wenig darauf eingehen wollen, wie wir sie ermittelt haben. Wir hatten zunächst versucht, die Entwicklung der Studentenzahlen anhand amtlicher Statistiken aufzuzeigen, die wir in den 1990er Jahren im Hochschularchiv und der Bibliothek der RWTH zusammengesucht hatten. Wir waren damit aber rasch gescheitert. Das lag vor allem daran, dass die Hochschule erst spät anfing diese Zahlen überhaupt zu ermitteln, zudem erwies sich die Überlieferung als lückenhaft. Darum mussten wir uns etwas Anderes überlegen.

Die nachstehende Statistik beruht auf einer Datei der Luxemburger Studenten, die wir seit etwa 1992 zusammengestellt haben1. Erster Anhaltspunkt war die von uns so genannte „Liste Roth2 die wir 1992 im Hochschularchiv gefunden hatten. Ein Mitarbeiter der Hochschule dieses Namens hatte sie im Auftrag des Rektors Prof. Dr. Ing. Otto GRUBER erstellt der sie zum 4.8.1937 an den beigeordneten Direktor der ARBED, Ehrenvorsitzenden der ALII und Absolventen der RWTH Arthur Kipgen schickte. Letzterer wollte sie nämlich aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Vereins der Luxemburger Ingenieure und Industriellen (ALII) haben und hatte sie per Brief am 4.8.1937 angefragt.

Eine Tabelle mit Namen von Luxemburger Absolventen des Bauwesens
Bild 32: eine Seite der Originalliste Roth von 1937. Foto vom 1. Juli 2018

Diese Liste enthielt 217 Einträge und war, selbst wenn wir nur die Absolventen betrachten, alles andere als vollständig. Durch Vergleich mit weiteren Listen und Recherchen in den 1990er Jahren, so wie in den Jahren 2018 und 2019 im Hochschularchiv erweiterten wir diese Liste auf, zurzeit 363 Einträge und entdecken immer noch laufend weitere. Eines der Probleme beim Identifizieren der Luxemburger ist etwa, dass sie in diesen Listen nicht als Ausländer aufgeführt sind. Oft verrät nur der Geburtsort ihre Herkunft und/oder wenn der Nachname sehr typisch für Luxemburg war. Aber auch dann ist es nicht immer leicht zu entscheiden, ob es sich um einen Luxemburger handelte. Einerseits wurden aber auch schon damals viele Luxemburger im Ausland, mitunter an den exotischsten Orten geboren. Andererseits hatten viele deutsche Studenten Luxemburg als Geburtsort, nämlich all die Söhne der Soldaten und Mitarbeiter der Garnison, die bis 1867 in der hiesigen Festung des deutschen Bundes stationiert waren.

Eine Einschreibeliste
Bild 33: Auszug aus dem Einschreibebuch der RWTH. Foto des Autors vom Oktober 1921

Bild 33: Auszug aus dem Einschreibebuch der RWTH. Foto des Autors vom Oktober 1921

Mitarbeiter des Hochschularchivs haben inzwischen die noch vorhandenen Einschreibebücher erfasst und dem Autor eine Excel Tabelle zu Zwecken der Konsultation für die vorliegende Arbeit zur Verfügung gestellt. Diese Bücher sind aber erstens nicht vollständig erhalten und zweitens war das Einschreibeverfahren damals ein wenig anders als heute, da in jenen Tagen noch recht üppige Einschreibegebühren fällig waren! So war es durchaus üblich sich in Aachen und an der Hochschule aufzuhalten, sich aber nur in jenen Semestern zu immatrikulieren, in denen man auch eine Prüfung ablegen wollte. Das macht es besonders schwierig z.B. Studienabbrecher richtig mit dem Jahr des Abbruches zu erfassen, denn so war es möglich sein Studium abzubrechen ohne sich ordnungsgemäß zu exmatrikulieren. Weiter ist auch die Kartei der hinterlegten Diplome nicht vollständig, daher konnte uns Hochschularchiv nicht eindeutig angeben, ob ein Student in einem bestimmten Jahr noch in Aachen war oder nicht.

Zwei Kurven und ein paar Balken

Bild 34: Berechnung der Zahl der Luxemburger Studenten in Aachen 1870-1939.

Wir verfolgten zur Zusammenstellung unserer Liste den pragmatischen Ansatz, dass wir folgende Annahmen trafen:

  • Im ersten Semester hat sich der Student auf jeden Fall angemeldet, sonst hatte er keinen Zugang zu den Ressourcen der Hochschule und konnte nicht die zum weiteren Studium notwendigen Vorleistungen erbringen (Scheine, praktische Übungen etc.). Da wir von den meisten Studenten das Geburtsdatum wissen und dank der Absolventenlisten von den zwei wichtigsten Gymnasien damals sogar das Jahr kennen, wann sie das Abitur abschlossen, haben wir genügend Beispiele um anzugeben, dass zumindest diese Annahme stichhaltig ist.
  • In den Fällen, wo wir nicht wissen, wann er die Hochschule verließ, sehr wohl aber dass er ein Diplom erhielt, nehmen wir die aus der Berechnung der Fälle wo alles gekannt ist sich ergebende damals übliche durchschnittliche Studiendauer von 5 Jahren an.
  • Umgedreht, zählen wir in den Fällen wo wir nur das Jahr der Diplomierung kennen aber nicht wann er sich einschrieb, fünf Jahre runter um das Jahr der Ersteinschreibung zu erhalten.
  • Bei den wenigen Fällen, wo der Student noch promovierte, nehmen wir trotzdem das Jahr des Erwerbs des Diploms als dasjenige an, in dem er Aachen verließ. Anders als heute waren Doktoranden in jenen Jahren keineswegs noch an der Hochschule eingeschriebene Studenten und mehr oder weniger schlecht bezahlte Mitarbeiter des Institutes dem ihr Doktorvater vorsteht, sondern in aller Regel bereits berufstätig3. Entweder waren sie selbständig oder hatten Arbeitgeber, die ihre akademische Nebenbeschäftigung tolerierten oder gar förderten.
Amtliche Zahlen
Bild 35: Gelegentlich finden sich amtliche Zahlen, hier eine vom WS 1891/92. Leider nur sehr sporadisch.

Die Zahlen sind also mit Vorsicht zu genießen, sie zeigen die Tendenzen unserer Meinung nach aber dennoch zuverlässig. Wir können hier einige der in der Chronik aufgezeigten Entwicklungen sehen:

  • Es waren gleich am Anfang in den 1870er Jahre viele Luxemburger in Aachen und in der Zeit, in der die Orano-Luciliburgia bestand (1886-1991), dazwischen und danach deutlich weniger.
  • Nach 1893 zieht die Zahl wieder stark an. In der Zeit wird der AVL gegründet und erblüht.
  • Nach 1902 bricht sie wieder ein. Das könnte damit zusammenhängen, dass ab 1904 zum Ablegen der Diplomprüfung verlangt wurde, dass man ein Abitur hätte .
  • Wir erkennen das ungebremste Wachstum im ersten Weltkrieg.
  • Und das Einbrechen der Zahlen, als 1920 die Gebühren für Ausländer verzehnfacht wurden. Danach klingt die Zahl ab, der Verein erholt sich nie wieder.
  • Auch der weitere Einbruch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ist gut zu sehen.

Interessant ist es auch, die Zahlen nach den belegten Studienfächern aufzugliedern. Die zweite Graphik zeigt insbesondere die Dominanz des Faches der Hüttenkunde (HK) bei den Luxemburger Vorkriegsstudenten.

Bild 36: Berechnete Entwicklung der Zahl der Luxemburger an der RWTH, mit Angabe der Fachrichtungen von 1870 -1939.
Bild 36: Berechnete Entwicklung der Zahl der Luxemburger an der RWTH, mit Angabe der Fachrichtungen von 1870 -1939.

Für die Aufschlüsselung der Abkürzungen der Studienfächer, siehe Anhang.


  1. Eine laufend aktualisierte Liste, allerdings nicht mit allen bekannten Informationen, findet der Leser unter http://www.aachen.lu/avlhistory/personen/luxemburger-an-der-rwth-bis-1939/ []
  2. Siehe auch http://www.aachen.lu/avlhistory/quellen/hochschularchiv-der-rwth/liste-roth/ []
  3. Siehe z.B. die Biographien von Jean Weiwers und Alphonse Wagener. []