Die Digitalisierung rund um den AVL und die RWTH

Die Digitalisierung rund um den AVL und die RWTH
Von Jean-Marie Strasser

Das 2. Jahrhundert des Bestehens des AVL begann nach der 100 Jahrfeier 1997. Die Uni in Luxemburg war zu dieser Zeit noch nicht gegründet und die RWTH erfreute sich nach wie vor großer Beliebtheit unter den Luxemburger Studenten. Deren Anzahl stieg von 160 im Jahr 2000 auf 240 im Jahr 2010. Der Großteil der Luxemburger Studenten war nach wie vor männlich, beliebte Studienrichtungen waren Maschinenbau und Elektrotechnik. Informatik nahm in der Beliebtheit schnell zu in jener Zeit, da die zunehmende Digitalisierung seit der Popularisierung des Internets schon fortgeschritten war. Bei den weiblichen Studenten waren eher Medizin oder Naturwissenschaften beliebt. Es gab aber auch die eine oder den anderen welcher ein für Aachen eher exotisches Fach wie Soziologie studiert hat. Neben dem guten Ruf der RWTH war für einige auch die geografische Nähe zu den Niederlanden ein Kriterium weshalb Aachen als Studienort ausgewählt wurde. In dieser Zeit waren etwa 120 Mitglieder im Verein, von denen etwa die Hälfte als aktiv bezeichnet werden konnten. Die traditionellen Zusammenkünfte wurden ebenfalls weitergeführt, so gab es die Taufe, das Nikolausfest, den Glühweinabend, die Generalversammlung (frz. Assemblée générale, Abk. AG), den Staffellauf, das Belgische Bierfest und das Ponttorfest. Daneben wurden Kulturausflüge organisiert, und es wurde an vereinsübergreifenden Veranstaltungen teilgenommen wie dem Tournoi de l’Ambassadeur oder dem Fußballspiel gegen die alten Herren. Schon früher nahmen Delegationen des AVL an den Hauptfesten der benachbarten Luxemburger Studentenvereine, vor allem aus Belgien, darunter Lüttich, Louvain la Neuve und Brüssel, andererseits aber auch Köln gerne teil. Solche „Intercercles“ förderten die Freundschaft zwischen den Vereinen. In dieser Zeit entstand eine besonders intensive Freundschaft zwischen dem AVL und dem CELB aus Brüssel. Diese ging so weit, dass die Abende des jeweils anderen Vereins einen festen Platz im Studentenkalender einnahmen.

Im Jahr 1996 registrierte Tom Mannes für den AVL die Internetadresse www.avl.lu bei der zuständigen Stelle Restena in Luxemburg. Das erwies sich als ein vorausschauender Schachzug da der städtische Busbetreiber in Luxemburg „Autobus de la Ville de Luxembourg“ sich ebenfalls gerne diese Adresse gesichert hätte. Doch nun war es zu spät. Die erste Webseite programmierte Tom Mannes in HTML. Die ersten Webmaster waren Dan Klop und Tom Mannes. Es folgten Michel Asorne, Dany Heusbourg, Tom Göckel und LoÏc Beurlet. Auch änderte das Design der Webseite mehrmals, es passte sich der Zeit an und wurde moderner. Sicherlich lag es auch am Ehrgeiz der einzelnen Webmaster, der Webseite ein neues Antlitz zu verpassen. Die Hauptfunktionen der Webseite waren ab 1999 ein Veranstaltungskalender, ein Gästeforum sowie eine Fotogalerie. Ein sehr beliebter „Sport“ bei nachtschwärmenden Studenten war es zu später Stunde unter falschem Namen Gerüchte im Gästeforum zu streuen. Kommentare fingen dabei stets mit den Worten „Béiss Zonge behaapten…“ an. Natürlich waren die Kommentare dann am nächsten Tag Hauptgesprächsthema im Kaktus, der Kneipe wo man sich jeden Mittag zum Kaffee, Aperitif oder Kartenspiel traf. Natürlich stieg auch die Anzahl der gemachten Fotos durch die Verbreitung der Digitalfotografie exponentiell an. Anders als früher, wo der Film etwa 30 Bilder fasste, waren nun keine Grenzen mehr gesetzt. Viele Situationen bzw. Peinlichkeiten fanden sich auf irgendeinem Bild wieder. Jedoch gab es noch einen Unterschied zu der heutigen Zeit, die durch Smartphones und Social Media geprägt ist: Man musste sich damals noch nicht davor fürchten, dass jede abendliche Verfehlung einen irgendwann als unlöschbares Zeitdokument im Internet heimsuchen würde. Üblicherweise hatten nur sehr wenige stets einen Digitalfotoapparat zur Hand, eben nur diejenigen welche sich dazu berufen fühlten die Zusammenkünfte bildlich festzuhalten. Zudem blieb die Verbreitung der Bilder zumeist auf die Fotogalerie beschränkt. Noch dazu waren die meisten Bilder ohnehin vorzeigbar.

Anfang der 2000er war die Hochzeit des „wilden Internets“. Zwar gab es schon seit den 1980ern digitale Kopien welche vor Allem aus raubkopierten Computerspielen bestanden, ab Mitte der 1990er verlagerte sich der Tauschplatz für digitale Kopien jedoch immer mehr ins Internet und das trotz lächerlich niedriger Datenübertragungsraten von 6 Kilobyte pro Sekunde. Zunächst wurden meist Spieledateien getauscht oder nicht jugendfreie Bilder. Mit der Erfindung der MPEG Formate insbesondere MP3 konnten Audio-, später Videodateien auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe komprimiert werden. Nun konnte man ungehemmt Musiktitel ohne Qualitätsverlust tauschen. Der Tausch ganzer Spielfilme war jedoch zunächst denen vorbehalten, die einen der seltenen und teuren DSL-Anschlüsse besaßen. Mit einer Ausnahme: Den Wohnheimtürmen in der Rütscherstrasse. Die RWTH erprobte hier eine besondere Technik, mithilfe derer per gerichtetem Laserstrahl ein Datensignal direkt vom Rechenzentrum im Seffenter Weg zu den Türmen gelenkt wurde. Das Ergebnis war eine für die damalige Zeit surrealistische Datenübertragungsrate von 100 Megabit pro Sekunde. Damit konnte problemlos eine unbegrenzte Anzahl an großen Spielfilmdateien heruntergeladen und getauscht werden. Der Tausch unter den Wohnheimbewohnern wurde schließlich durch die Bereitstellung eines lokalen Netzwerkordners bewerkstelligt. Die Filmesammlung des Wohnheims war beträchtlich und stand einer Videothek in nichts nach. Irgendwann jedoch bekam die Hochschulleitung, vermutlich durch einen Hinweis, Wind von der Sache, worauf hin der Dateientausch über das Uninetzwerk untersagt wurde. Allmählich wurden aber auch DSL-Anschlüsse erschwinglich, vor allem durch die Initiative des RWTH-Studenten Klaus Ridder. Er gründete um 2003 Uni-Dsl, eine Initiative die sich der Bereitstellung günstiger Anschlüsse an Studenten verschrieben hatte. Da dieses Unterfangen ein im wahrsten Sinne des Wortes Ein-Mann-Betrieb war, musste man zum Teil einige Monate warten, bis der Anschluss bereitgestellt werden konnte. Ab dann war man dabei: 6 Megabit pro Sekunde für unter 20 Euro im Monat. Einige technische Hürden gab es dabei jedoch zu nehmen. Vor allem musste ein VPN (virtuelles privates Netzwerk) eingerichtet werden, so dass sämtlicher Datenverkehr von Zuhause abgewickelt wurde, so als ob man ans interne Universitätsnetzwerk angeschlossen wäre.

Einige Luxemburger Studenten in Aachen trafen sich ebenfalls regelmäßig zu LAN-Partys. Dabei verfrachteten sämtliche Teilnehmer Ihre PCs mitsamt bleischweren Röhrenmonitoren in die Dachgeschoss-WG-Wohnung ihrer Mitstudenten. Auf diesen Partys wurde neben dem PC-Spielen, viel Bier getrunken und Bestellpizza gegessen. Mitunter ließ man sich es nicht nehmen, auch noch gegen 3 Uhr morgens einen letzten Snack in einem Fastfood Restaurant einzunehmen. Bei den LAN-Partys stand stets, selbst wenn sie eigentlich immer reine Männerrunden waren, die Geselligkeit im Vordergrund. Durch die Verfügbarkeit der DSL-Anschlüsse sowie durch die Erscheinung des Spieletitels World of Warcraft änderte sich dies. Nun war es nicht mehr nötig den PC zu schleppen. Man konnte ungeniert von Zuhause zocken. Tag oder Nacht, Vorlesungszeit oder Klausurzeit. Das süchtig machende Konzept des Spiels tat sein Übriges. Einige Studenten wurden wochenlang nicht mehr gesehen, weder im Hörsaal, noch in der Freizeit. Und wenn man sie dann doch zu Gesicht bekam, waren diese durch den Mangel an UV-Bestrahlung seltsam erbleicht. Studienabbrüche gehörten in Aachen schon immer zur Tagesordnung, jedoch war neu, dass nicht der Alkohol, sondern ein Computerspiel dafür verantwortlich war.

Es stellt sich dennoch die Frage, in wie fern die Digitalisierung das Studium an sich und die Lehre beeinflusst hat. Kurz gesagt, in jener Zeit nicht viel. Alle Abläufe welche die Lehre betrafen, Vorlesungsskripte, Übungen, Klausuranmeldung, Einschreibung usw. waren damals noch analog. Zur Vervielfältigung von Lerninhalten wurden meist Fotokopierer benutzt. Für administrative Dinge musste man in den Fachbereichssekretariaten vorstellig werden. Die Digitalisierung spielte sich vor allen Dingen im privaten Bereich ab. Sicherlich waren einige Fachbereiche z.B. Informatik bei der Digitalisierung früher dran als andere. Im Allgemeinen aber, wurden diese Veränderungen im Unibetrieb erst umgesetzt als die Notwendigkeit dafür bestand.