Alphonse Wagener (1881 – ?) über seine Aachener Zeit

Dank der Vermittlung von Juliette Geib, Enkelin von François Geib wurde ich dieser Tage auf einen Artikel aufmerksam, den Alphonse Wagener, ein ARBED Ingenieur als über 80 jähriger am 4. Mai 1962 im Luxemburger Land veröffentlicht hat, und den ich hier auszugsweise zitieren will, da er uns wertvolle Einblicke in das Vereinsleben des AVL in der Kaiserzeit erlaubt:

Aachen

Damals studierten in Aachen bereits 40 bis 50 Landsleute, wovon 2/3 im „Akademischen Verein d’Letzeburger” sich zusammenfanden. Ich ließ mich in diesen Verein aufnehmen.
Die Aachener Hochschule hatte damals, wie noch heute, Weltruf wegen ihrer tüchtigen Professoren und ihren modernen Lehrinstitute. Geheimrat Professor Dr. Fritz Wüst, welcher 1938 im Alter von 77 Jahren verschied, war für die Welt der Eisenhüttenkunde eine Persönlichkeit, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus für Lehre und Forschung auf dem Gebiete des Eisenhüttenwesens von ausschlaggebender Bedeutung war. Er dozierte in Aachen seit 1901 und viele Luxemburger haben unter seiner Leitung ihre Hauptdiplomarbeit absolviert. Professor Wüst hatte es fertig gebracht, in Aachen ein Eisenhüttenmännisches Institut zu errichten, dos auf einer wissenschaftlichen Basis in jahrelanger Arbeit aufgebaut worden war und das für den hüttenmännischen Nachwuchs international von großer Bedeutung geworden ist.
Im Jahre 1928 hielt Professor Wüst in unserm Ingenieurverein einen glänzenden Vortrag über „Eine neue Theorie des Hochofenverfahrens”.
Unsere Regierung würdigte seine großen Verdienste um das luxemburgische Ingenieur- und Eisenhüttenwesen, indem sie ihm das Commandeur-Kreuz im Orden der Eichenlaubkrone verlieh.
In Aachen land ich unter meinen Luxemburger Kollegen den zukünftigen Nachwuchs der Arbedleitung: Aloyse Meyer, Arthur Kipgen, Léon Laval, Pierre Pelkes, und solche, welche es im Ausland zu hohen Stellungen brachten: Paul Goergen, Paul Oberhoffer.
Auch Emile Mayrisch ist durch die Aachener Schule gegangen und 1885 in Düdelingen eingetreten.
Der „Akademische Verein” bezweckte die Pflege der Kameradschaft, die Unterstützung beim Studieren, jedoch selten mit Geld, denn davon hatte keiner zuviel, und die Unterhaltung. Diese wurde gefördert auf der „Kneipe”, welche in regelmäßigen Abständen gewöhnlich samstags abends abgehalten wurde, wo Lieder gesungen und harmloser Ulk gemacht wurde. Öfters kam es auch zu gemeinsamen Spaziergängen in die herrliche Umgegend. So ließen wir uns nach einem solchen Spaziergang in der „Hammonia” (dem Aachener „Knopf”) zu sieben Mann konterfeien. Von diesen sieben lebt heute seit 1939 nur mehr einer, der Sitzende.

Das Hammonia Bild Vorderseite
Oben von links nach rechts: Camille Keiffer (alias Comper) Eich; Gust. Prüssen (Stopp), Luxemburg; Léon Dondelinger (Fips), Reisdorf; Nicolas Wagner (Schotz), Siechenhof; Nic. Raus (Zech), Aspelt; Franz Geib (Kluck), Echternach; Alphonse Wagener (Rull), Diekirch.

Anmerkung: Diese Zuordnung ist ein wenig unklar, siehe daher auch meine Deutung bei den Bildquellen zur Kaiserzeit

Der „Comper” zeichnete sich auf der Kneipe des öfteren aus durch seine Dichtkunst. Nachstehend ein Exempel:

„Ein Magdelein von 18 Jahren, die kam zum ersten Mal,
„Mit ihren schünen schwarzen Haaren froh zu der Wilhelmshall.
„Da kam der W .. nesch Nekel, der böse lange Mann,
„Und kaum tut er sie hier erblicken, flugs rempelt er sie an.”
„Und als sie sollten nach Hause gehen, da nahmen sie eine Kutsch, Und was auch drinnen konnt geschehen, die Renommée ist futsch.
„Und die Moral von der Geschichte: trau keinem W .. ner,
„Und war er auch vom Siechenhöfchen, trau ihm noch weniger.”

Das war richtige Jugendstimmung!
Wir trafen uns öfters mit Ingenieuren der in und um Aachen liegenden Industrien in dem großen Bierlokal, die „Wilhelmshalle”, gegenüber dem Elisenbrunnen, die wir oben erwähnt haben.
Dem Studium wurde reichlich Zeit gewidmet und die Darbietungen des schönen Stadttheaters wurden nicht vergessen. Wir wohnten zu sechs Luxemburger Kameraden im Restaurant „Zur Klostertreppe”, neben dem Dom, den wir mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten, u. a. der Grabstätte Karls des Großen, ebenfalls nicht vernachlässigten. Ende 1902 kam der Bruder von Nicolas Wagner mit seiner Schwester auf Besuch; so lernte ich meine zukünftige Frau kennen.
Am 11. November 1903 bestand ich mein Vorexamen und am
Dezember 1905 meine Diplomhauptprüfung mit „sehr gut” in der „Eisenhüttenkunde” und „gut” in den fünf anderen Fächern. Die Musenstadt Aachen verließ ich nun, um in der ernsten Praxis mich bald „durchzusetzen”.

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